Kultur : Erwachen jedenfalls werden wir alle

Der Wahlkampf war im Zeichen von Duellen, Demoskopie und Demagogie trotz allem politisch. Auch wenn Gefühle dominieren: Es ist ein Kampf politischer Kulturen.

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Von Peter von Becker

Das Stück dauert in Deutschland immer vier Jahre und beginnt naturgemäß mit dem ersten Akt, erste Szene: die Nacht und der Tag nach der letzten Wahl. Es fängt an und endet also mit Sieg und Niederlage; weil die Rolle des Siegers in Deutschland allerdings über lange Jahre nicht wechselte, dachte man bis zum letzten Akt am 27. September 1998, es würde hier immer nur dieselbe Aufführung wiederholt.

Das hat sich in den vergangenen vier Jahren und vier Akten – der fünfte spielt heute, am Wahltag – ziemlich geändert. Es gab neue Protagonisten und neben altvertrauten Handlungs- und Nichthandlungsmotiven (Arbeitslosigkeit) auch gewisse Überraschungsmomente (schwarze statt leere Kassen), dazu einige Thrillerelemente (Kriege und Katastrophen), die aus dem politisch korrekten Spielplan längst verbannt waren. Trotzdem dümpelte das Stück dann im vierten Akt, der „heiße Wahlkampfphase“ überschrieben war, zunächst sonderbar spannungslos dahin. Der Ausgang schien klar, und eine Szene ns „Flugmeilenaffäre“ markierte als dünnste Luftnummer den theatralischen Tiefpunkt. Da aber griff ein größerer Regisseur als die Herren Müntefering oder Spreng in die Inszenierung ein, ließ die Flüsse anschwellen und neue alte Kriegsängste – plötzlich wurde selbst aus den Intermezzi (genannt Fernsehduell) ein zwar etwas steifes, doch letztlich populäres Staatstheater.

Wir reden und sehen in Bühnen-Bildern. Das ist nicht nur Ausdruck der sogenannten Medienwelt. Vielmehr trifft es gerade diesen Bundestagswahlkampf. Noch nie wechselten so schnell und bis zum Schluss die Kulissen (Droh- und Reizkulissen), nie haben die Hauptdarsteller gebannteren Blicks in den Wirkungs-Spiegel geblickt. Die Demoskopie bestimmt die Dramaturgie. Dabei haben sich schon vorhandene Trends zur „Amerikanisierung“ verstärkt. Doch richtig neu ist das nicht, und das Theater, Volkstheater und Fernsehtheater, gehört zur Demokratie, die auch das Parlament als Szene und Tribunal erfunden hat. Auffällig ist jedoch, wie sehr das Publikum als Kritiker und Richter (sprich: Wähler) auf dem Theaterhaften, also auf Form und Stil besteht. Die Form ist diesmal so entscheidend wie der Inhalt. Und weil Form und Inhalt weder in der Kunst noch in der Politik zu trennen sind, gehört der Stil auch zur politischen Substanz. Daran haben die rot-grünen Protagonisten Gerhard Schröder und Joschka Fischer nicht nur als Medienlieblinge ihren Anteil.

Die von Kulturkritikern wie Siegfried Kracauer und Walter Benjamin früh diagnostizierte Ästhetisierung oder auch Theatralisierung der Politik in öffentlichen Auftritten und choreographischen Massenszenen stand durch deren Meisterregisseure im 20. Jahrhundert, Adolf Hitler und Josef Stalin, lange Zeit unter Totalitarismus-Verdacht. Doch nach dem Untergang der Diktaturen hat auch das Fernsehen, das die Massen von der Straße holte und wieder in zivile Heim- und Kleinbürger verwandelte, zur demokratischen Entspannung, Durchleuchtung und auch Kontrolle der politischen Inszenierung beigetragen. Wer heute die „Telekratie“ oder die „Medien-Mediokratie“ als amerikanisierte Nivellierung und Entpolitisierung verachtet, tut dies meist mit einem vordemokratischen, geistesaristokratischen Gestus. Und hat vor allem: keine Alternative.

Moniert wird oft eine Diskrepanz zwischen den rationalen Sachfragen und den sympathiegeleiteten Stimmungen – diese würde sich durch das Fernsehen dramatisch verstärken. Aber das Medium macht nur zuletzt die Botschaft. Das Besondere an dieser Wahl 2002 ist doch: Fast alle in Deutschland wissen, dass in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, in der Gesundheits- und in der Bildungspolitik eigentlich tief greifende Reformen nötig sind. Aber eine Mehrheit der wahlberechtigten Deutschen möchte wohl auch, dass sich alles nur ändert, damit es bleibt, wie es ist. Darum gibt es, anders als 1998 nach 16 Jahren Helmut Kohl, keine genuine Wechsel- und Wendestimmung, sondern äußerstenfalls ein erträgliches Unbehagen in der politischen Kultur. Die Veränderungen, die das Land seit der Kohl-Wachablösung und dem Ende der Bonner Republik erfahren hat, erscheinen nur begrenzt als politisch-strukturelle. Sie wirken eher gesellschaftlich-kulturell. Darum ist der Wahlkampf 2002 auch: ein Kulturwahlkampf.

Es geht um ein gesellschaftliches Klima, um das Lebensgefühl und die mehr in Personen als in Programmen verkörperte Repräsentation einer überwiegend nicht mehr vom Weltkrieg und dem Wiederaufbau, sondern von wirtschaftlichem Wohlstand oder den selbstverständlich gewordenen Segnungen der Wiedervereinigung geprägten Bevölkerungsmehrheit. Und die will nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin, nach dem Ende der wirtschaftsmachtgeschützten Innerlichkeit in Kohl-Zeiten, nach zwei bundesdeutschen Kriegsbeteiligungen auf dem Balkan und in Afghanistan, nach den Aufgeregtheiten der Globalisierungs- und Gentechnikdebatten, nach dem Schrecken des 11. September und angesichts neuer militärischer und ökonomischer Risiken am liebsten wieder: Ruhe. Wenn Mobilität und rasender Fortschritt schon sein müssen, dann bitte im Stillstand.

Natürlich ist da der Skandal der millionenfachen Arbeitslosigkeit. Und das öffentliche Schuldenloch. Aber zwischen beiden bieten die Oppositionsparteien wohl keine grundlegende (oder glaubwürdige) Alternative, und wer zu Späth kommt, wird noch nicht klüger oder wagemutiger. Vor allem nicht, wenn es im Falle sozialer Grausamkeiten um eigene Besitzstände geht. Wären die Wirtschaftsdaten besser und der Dax kein Bruchpilot, dann hätten Schröder und Fischer die Wahl längst gewonnen.

Falls Rot-Grün heute Abend siegt und die SPD vor der Union liegt, dann haben nicht die harten und im Detail widersprüchlich komplizierten Themen der Ökonomie und Sozialpolitik diese Wahl entscheiden. Und es gilt nicht mehr die noch über 1998 hinaus von den meisten Analysten vertretene Meinung, dass die Union angesichts einer konservativen Grundmentalität der Bevölkerung auch eine strukturelle Mehrheit in Deutschland habe – die es nur in Ausnahmefällen wie der Willy-Wahl 1972 oder am Ende der Kohl-Ära zulasse, dass die SPD zur stärksten Partei wird.

Es gibt sie in der Bundesrepublik inzwischen wohl wirklich: eine neue Mitte. Diese ist politisch offener denn je. Und damit auch weltoffener und im weitesten Sinne „moderner“ als der den Wahlkampf der Union dominierende Politik-Typus. Stoiber, Beckstein, Späth wirken da selbst mit bedenkenswerten Reformvorschlägen: ziemlich retro. (Retro sind aber auch Müntefering oder Däubler-Gmelin). Auch die Salonteutonen Westerwelle und Gerhardt stehen allenfalls am Rand einer politisch-kulturellen Mitte, die heute realtypisch von Schröder, Fischer und Künast besetzt ist. Auch Gysi würde da mitspielen, wäre er in einer anderen Partei.

Einerseits sind es Themen wie Frauen- und Familienpolitik, Umweltschutz, Zuwanderung, die Integration von Minderheiten (Homoehe) und selbst die Innere Sicherheit, wegen der sich so überraschend viele Künstler und Intellektuelle schon vor der Irak-Debatte für den nur als pragmatisch und visionslos gescholtenen Kanzler engagieren. Aber Schröder, der nach zwei Kriegen, dem 11. September und der Flut den juxenden Brioni-Boss weit hinter sich gelassen hat, berührt mittlerweile auch die eher Wertkonservativen: In seiner Mischung aus Manager und teils verantwortungsethisch, teils parteitaktisch wiedererwachtem Sozialdemokraten erinnert er an Helmut Schmidt.

Frontal angegangen hat Schröder in seiner Kampagne fast nur die PDS. Während bei der Wahl im Westen nach den letzten Umfragen eher das Bewusstsein das Sein bestimmt, könnte es im Osten auch umgekehrt (und Marx entsprechend) laufen. Die PDS als politkulturelles Trotz- und Ostalgie-Phänomen, dem nach Gysis Berliner Rücktritt der große Überbaumeister fehlt, wird seit der Flut von den ökonomischen Realitäten gebeutelt. Die Menschen in Not wissen, dass nur West-Kapital, reale Regierungsmacht und die Überwindung von Partikularinteressen ihnen helfen werden. So könnte Schröder, der mit der Verschiebung der Steuerreform energisch gehandelt hat, doch noch zum Kohl-Erben werden, als neuer Einheits-Kanzler.

Die Irak-Krise kommt hinzu. Wo sich aber Kriegsängste und Antiamerikanismus kreuzen, wird der „deutsche Weg“ vom demoskopisch leuchtenden Pfad bald zur politischen Sackgasse. Hier fallen Töne, die nach der Wahl verstummen werden, und Fischer übernimmt dann besser wieder das außenpolitische Regiment. Falls Fischer, die wohl größte Begabung der deutschen Politik, dann nicht doch in der Opposition erwacht.

Erwachen jedenfalls werden wir alle.

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