• Erwin Chargaff: Der alte Mann und die Welt - Sein Buch "Ernste Fragen" ist nicht erbaulich, aber amüsant

Kultur : Erwin Chargaff: Der alte Mann und die Welt - Sein Buch "Ernste Fragen" ist nicht erbaulich, aber amüsant

Raoul Fischer

Erwin Chargaff verabscheut Massenmedien. Zeitungen, Magazine, Rundfunk und Fernsehen sind für ihn "Messgeräte zur Ermittlung des kleinsten gemeinsamen Nenners an Geschmack, Moral und Einsicht", ja sogar "Apparaturen zu seiner Erzeugung". Massenmedien gehören zu denen, die die Sprache vergiften: "Man hat die Wahl zwischen dem verstopften Grollen der Prawda und der diarrhöischen Flüssigkeit unserer eigenen Politiker, Journalisten und anderen Werbeprofis." Sie entfremdeten von dem, was Sprache einmal war, wirft er ihnen vor.

Die negative Weltsicht eines alten Mannes, der sich um die Früchte seiner Arbeit, den Nobel-Preis, betrogen sieht, ist noch nicht lesenswert. Sein Buch "Ernste Fragen", das vor 15 Jahren in Boston erschien, wurde in nur wenigen Exemplaren verkauft - weil der Verlag kurz darauf "beschloss, zu verscheiden", wie Chargaff in der jetzt bei Klett-Cotta verlegten Jubiläumsausgabe erklärt. Lesenswert ist das Buch aus zwei Gründen: Chargaff hält der Zivilisation in einer sehr vergnüglichen, manchmal ironischen oder sarkastischen, immer präzisen und bildreichen Sprache den Spiegel vor. Seine Kritik ist nicht destruktiv, sondern dahinter wird sichtbar, woran er glaubt: an das Individuum, das Schöne, die Sprache, den menschlichen Geist. Er kritisiert nicht allein, er zeichnet ein positives Gegenbild. Zum Beispiel verachtet er die amerikanische Demokratie. Sie habe Menschen hervorgebracht, die Spezialisten darin seien, gewählt zu werden, was nichts mit staatsmännischen Qualitäten zu tun habe, kritisiert er - und entwickelt elf eigene Leitlinien.

Die Kultur der Sprache ist Chargaff ein besonderes Anliegen, die Bedeutung der Wörter, die Genauigkeit der Ausdrucksweise. Er outet sich als Fan der Etymologie, die die Herkunft von Wörtern untersucht. So denkt er in einem dem "Geschlechtsleben der Sprache" gewidmeten Kapitel über einen Defekt des Englischen nach: Da gibt es kein eigenes Wort für Mensch, stattdessen wird verallgemeinernd die Bezeichnung für Mann (man) eingesetzt. Das Regiment des Unisex. Versuche, in der allgemeinen Bedeutung man durch person zu ersetzen, hält er für absurd: "Wir werden am Ende noch von Hebrews und Shebrews hören".

Chargaff bezeichnet sich als "Rufer in der Wüste". Was er in die Wüste hineinrufen will, hat er in 31 Essays niedergelegt, in denen er sich Stichworte wie Amateure, Dekadenz, Demokratie, Holocaust, Massenmedien oder Quintessenz vornimmt. Er denkt aber auch über Musik, den Begriff des Schönen oder des Klassischen nach. Dabei werden sprachliche, ästhetische und weltanschauliche Betrachtungen assoziativ verknüpft - eine leichte Lektüre, die man allerdings häppchenweise genießen sollte.

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