Kultur : Erzähl mir was vom Pferd

„Die Außenseiter“: Jaimy Gordon erkundet eine Rennbahn in West Virginia.

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Während hierzulande an langen Sonntagnachmittagen Adi Furler mit bescheidenem Erfolg seine Faszination für Trabrennpferde vermitteln wollte, gehörten Pferderennen in den USA seit jeher zu den populären Mythen: Unzählige Filme erzählen von glücklosen Pferdebesitzern, Pechvögeln, die ihren letzten Cent verspielen, und von Jockeys, die es noch einmal wissen wollen.

Jaimy Gordon wollte es mit ihrem Pferderennroman „Die Außenseiter“ nicht unbedingt wissen. Dafür hat die 1944 in Baltimore geborene Autorin jahrzehntelang gezielt am Literaturestablishment vorbei ihre Bücher geschrieben und veröffentlicht. Und doch konnte sie 2010 alle möglichen Favoriten auf den National Book Award von aussichtsloser Position aus überholen. Der Preis haftet ihrem Roman nun an wie die Plakette dem Siegerpferd – ein wenig wie fremder Schmuck an einem nicht recht zu bändigenden Buch. „Die Außenseiter“ sind nämlich als Genreroman, Milieustudie und Thriller ein schwer fassbares Werk, widerspenstig und rau, ein bisschen abgehalftert auch wie die meisten der Pferde, die darin ihre Runden drehen. Mit anderen Worten: Jaimy Gordon macht es ihren Lesern nicht einfach.

Es dauert eine Weile, bis man sich an die verschiedenen Tonlagen gewöhnt hat und sich den Charakteren annähert. Als da wären Medicine Ed, ein alter schwarzer Pferdebetreuer, der sich einst durchs Zusammenmischen leistungssteigernder Mittelchen seinen Ehrennamen verdient hat, oder seine leicht heruntergekommene Kollegin Deucey. Der windige, aber gutherzige Geschäftsmann Two Tie, der den Menschen fast gänzlich abgeschworen und sich in seinem zu Ende gehenden Leben mit einem nicht mehr ganz rüstigen Schäferhund eingerichtet hat. Joe Big-Dale ist ein Tiertrainer mit unseriösen Methoden und ungebührlichem Betragen. Und schließlich Maggie und ihr Freund Tommy, von denen man nicht so recht weiß, was sie zusammenhält, woher sie kommen und was sie vorhaben.

Das ist aber nur das menschliche Personal. Jaimy Gordon verwendet mindestens so viel Ehrgeiz darauf, die Pferde, die auch die Kapitelnamen beisteuern, als eigenständige Charaktere vorzustellen. Manchmal kommen einem diese Pferde sogar näher als ihre Besitzer. Die Figuren und Pferde treffen zu Beginn der 1970er Jahre auf einer drittklassigen Rennbahn in Indian Mound Downs, West Virginia, zusammen. Hier finden Rennen statt, die niemanden reich machen, aber doch für die geschickteren und gerisseneren Akteure ein paar Dollar abwerfen.

Gordon entwickelt ihre Geschichte, aus verschiedenen Perspektiven und dialogischen Szenen. Im Englischen funktionieren die unterschiedlichen Idiome und Sprechweisen besser, aber Ingo Herzke hat sich in seiner Übertragung Mühe gegeben, die sprachlichen Eigenheiten seiner Figuren zu bewahren, ihnen ihren eigenen Klang zu geben. Wenn man schließlich in die Geschichte hineinfindet, stellt man fest, dass die Perspektivwechsel, der Slang, die vielen, zuweilen nebulösen Gespräche auf eine mehr oder minder spannende Krimigeschichte zulaufen.

Das eigentlich Interessante aber ist ein geradezu mythischer Ort der Verlorenheit: Indian Mound Downs zieht Verlierer an, hier bekommen die von diversen Gebrechen geplagten Pferde ihr Gnadenbrot, und die zu kurz Gekommenen träumen von einem kleinen Gewinn, der ihnen den Lebensabend verschönern könnte. Wer hier hängen bleibt, dreht sich im Kreis wie die Pferde auf der Rennbahn. Die sind zuweilen auch die einzigen, zu der die Figuren eine Art Seelenverwandtschaft entwickeln.

In diesen lesenswerten Passagen von Gordons Roman erahnt man, was die Jury des National Book Award veranlasst haben könnte, „Die Außenseiter“ auszuzeichnen: „Er konnte dieses Pferd nicht direkt mögen, und er glaubte auch nicht, dass das Pferd mit den Hexenaugen ihn mochte. Manchmal könnte Medicine Ed schwören, das Pferd wusste mehr, als ein Pferd wissen konnte. Wenn er Pelter führte, so wie jetzt, im perlenden Nebel an einem dunklen Novembermorgen, wo ihnen beiden der Atem dampfte wie zwei Drachen und der Winter näher kam, da versuchte er das Pferd aus dem Augenwinkel auszuspähen, um zu sehen, was los war, aber was sah er? Das Pferd spähte zurück. Sie spähten sich gegenseitig aus, um zu sehen, wie der andere zurechtkam, die Füße, die Beine, den Rücken. Sie spähten sich aus, um zu sehen, ob es irgendwelche klitzekleinen Anzeichen gab, wer als Erster abtreten würde.“

Jaimy Gordon:

Die Außenseiter.

Roman. Aus dem

Amerikanischen von Ingo Herzke. Aufbau Verlag, Berlin 2012. 328 Seiten, 19,99 €.

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