Kultur : Erzähl mir was!

Felix Losert

Wenn Heinrich Schiff auftritt, ist keine Parade der Eitelkeiten zu erwarten. Er möchte mit seinem Cello oder dem Taktstock Geschichten erzählen. Wenn das, wie am Dienstag mit dem DSO in der Philharmonie, gelingt, nimmt er froh den Applaus entgegen. Die Programmauswahl scheint dabei in den Hintergrund zu treten, wirkt auf den ersten Blick konventionell: zu Beginn Haydns Cellokonzert C-dur, dann etwas Zeitgenössisches - Alfred Schnittkes Concerto grosso -, schließlich als großes sinfonisches Stück eine Auswahl aus den "Romeo und Julia"-Suiten von Prokoviev. Und doch verbindet die Programmpunkte etwas: Sie quellen von plastischer musikalischer Gestik geradezu über, und das ermöglicht Schiff, sein Erzähltalent voll zu entfalten. Im Cellokonzert formuliert er jedes Motiv auf einen kleinen Höhepunkt hin und sichert so auch der Musik des Sinfonikers Haydn ihre ausdrucksmäßige Bestimmtheit. Die scharfen Konturen finden sich in Prokovjevs Shakespeare-Musik wieder. Mit weit ausgreifender, im Forte auch grobe Effekte nicht scheuender Dynamik und zuweilen rasantem Vorpreschen sucht Schiff den sprachähnlich-ausdrucksgeladenen Moment mit dem großen Bogen zu versöhnen.

Schnittkes Concerto grosso ist eigentlich ein Violin-Doppelkonzert. Paul Rivinius darf zwar am präparierten Klavier und am Cembalo den Beginn bestimmen, bleibt dann aber trotz übermäßiger Lautsprecher-Verstärkung eher Stichwortgeber. Die temperamentvolle Engländerin Priya Mitchell und der Schwede Henning Kraggerud haben das bessere Los gezogen: Kein Wunder, dass ihnen trotz äußerster Konzentration der Spaß am Musizieren anzusehen ist. Sie lehnen sich mit ihren Violinen in das bis zu Clustern zusammengequetschte Lamento hinein, schießen erst wütend Motiv-Pfeile aufeinander ab und vertragen sich dann mit süßlichen Pathosformeln wieder. Hinter dem Programm wird so eine kluge Staffelung sichtbar: Als Solist bereitet Schiff das fast szenische Schnittke-Ereignis vor und zieht anschließend als Dirigent noch einmal seine sinfonischen Schlüsse.

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