Kultur : Erzähl mir was!

FREDERIK HANSSEN

Das wäre die Chance für einen jungen Kapellmeister gewesen: Ein Kollege wird krank.Auch das Berliner Philharmonische Orchester geriet in so eine Notsituation.David Zinman, der das Konzert am Freitag hätte leiten sollen, hatte eine Bronchitis erwischt.Also holte man sich Lorin Maazel.Pech für aufstrebende Dirigiertalente.

Wenn Maazel den Taktstock mit der ihm eigenen, viel bewunderten Eleganz in seiner Rechten tanzen läßt, wird ihm das Dirigentenpodium zur Bühne, auf der er sich selber spielt und das Orchester nach seinen Wünschen ein Orchester darstellt, das aufbraust und flüstert, Klangkraft demonstriert und Sensibilität.Das macht Effekt an der Oberfläche und löste auch diesmal wieder viel Beifall aus in der Philharmonie, doch es teilt nichts mit über die Musik.Maazel drängt es nicht, von seinen Begegnungen mit Mendelssohns "Hebriden"-Ouvertüre oder Beethovens "Eroica" zu erzählen, von den Geheimnissen, die er im Zwiegespräch mit der Partitur hat entschlüsseln können, von den Fragen, die geblieben sind.Er konzentriert sich auf das Offensichtliche, auf die Melodiestimmen und die Effekte.Die Architektur des Tonsatzes bleibt ebenso unerforscht wie die atmosphärischen Metamorphosen zwischen den Themenblöcken.Doch wo kein Sendungsbewußtsein die edlen Handbewegungen leitet, bleibt es auch im Orchester beim Zur-Schau-Stellen klanglicher Perfektion und technischer Kunstfertigkeit.

Verwirrend unbeteiligt klang auch das Spiel von Radu Lupu in Beethovens drittem Klavierkonzert.Als schweiften seine Gedanken in weiter Ferne, spielte er sich ohne Willen zur Aussage, aber mit manchem Patzer durch den Klavierpart.Von der Heiterkeit des Werkes, vom Witz des Finales war nichts zu spüren."Wer schweigt, hat wenig zu sorgen - der Mensch bleibt unter der Zunge verborgen." Sagt Goethe.Wer öffentlich redet - auch in Tönen -, sollte sich nicht so bedeckt halten.

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