Kultur : Erzählen reicht nicht

Ein Gespräch mit dem Jury-Präsidenten Atom Egoyan

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Ihre bisherigen Filme erzählen von persönlichen Dingen, von Familie, Lust und Verlust. „Ararat“ handelt vom Völkermord in Armenien. Warum bezeichnen Sie ihn dennoch als zutiefst persönlichen Film – abgesehen davon, dass Sie armenische Vorfahren haben?

In „Ararat“ geht es auf mehreren Ebenen um persönliche Erfahrungen. Es geht um das Schicksal eines Überlebenden und dessen Kind und Enkelkind. Alle drei sind besessen von der Frage, wie sie ihre Erfahrungen zum Ausdruck bringen können und ob man so etwas wie Wahrheit daraus abstrahieren kann. Schließlich ist es die armenische Erfahrung schlechthin, dass es nicht genügt, seine Geschichte zu erzählen. Man muss sich auch Gehör verschaffen. Deshalb dreht der Regisseur in „Ararat“ einen beinahe kitschigen Film über den Völkermord...

...mit opulenten Bildern, die man Ihnen als jemand, der Bildern immer misstraute, kaum zugetraut hätte.

Aber so wird Geschichte im Kino heute meistens erzählt: hyperrealistisch, altmodisch und immer ein bisschen die Historie verleugnend. Es war ein Risiko, diesen Erzählstil in „Ararat“ zu verwenden, denn ich will mich nicht lustig darüber machen. Ich wollte nur zeigen, wie man sich in Armenien die eigene Geschichte erzählt. Eine Art sozialer Realismus, nein, ich muss mich verbessern: etwas Brechtianisches. Vielleicht ist der Junge mit dem Videotagebuch der Wahrheit ja näher. Deshalb ist mir die Szene so wichtig, in der seine DVKamera auf dem Filmrollenstapel am Zoll steht. Die Mutter schreibt ein Buch, Gorki arbeitet an seinem Gemälde, einer dreht einen Film, ein anderer verfasst ein Drehbuch: Jeder verarbeitet die Geschichte auf seine Weise.

Auf der Berlinale gibt es auffällig viele – vor allem amerikanische – Filme, die den Vorgang des Bildermachens thematisieren und in denen die Figuren ihren Erfindern begegnen, sei es in „Adaptation“, „The Hours“ oder „Solaris. Wie nehmen Sie das als Jury-Präsident wahr?

Ich glaube, diese Selbstreflexion des Mediums auch im Mainstream-Kino hat damit zu tun, dass es so leicht geworden ist, Filme zu drehen. Als ich 1988 mit „Family Viewing“ zum ersten Mal auf der Berlinale beim Forum war, war es noch unglaublich teuer, einen kleinen 16mm-Film zu drehen. Heute läuft im Forum noch ein einziger 16mm-Film, fast alles wird auf DV gedreht. Und schneiden kann man zuhause am Computer. Das ist wunderbar, denn das Filmemachen ist lange mystifiziert worden. Aber es ist auch beängstigend, wegen der Gefahr der Beliebigkeit. In der Literatur war das genauso: Wie viele Romane handelten davon, wie man erzählt und wie man schreibt!

Seit einigen Jahren inszenieren Sie auch Opern, als nächstes Wagners „Die Walküre“ in Toronto.

Ich wollte ursprünglich Musiker werden – meine Schwester hat übrigens in Berlin an der HdK studiert. Deshalb bin ich beim Filmemachen immer sehr aufgeregt, wenn als Letztes die Musik hinzu kommt. Bei der Oper ist es umgekehrt: Der Soundtrack ist schon da, und ich füge die Bilder hinzu. Außerdem erübrigt sich das Realismus-Problem: Die menschliche Stimme, zumal wenn sie live erklingt, ist etwas Übernatürliches. In Toronto wird für das neue Opernhaus, das 2006 eröffnet wird, der gesamte „Ring“ inszeniert. Und das zum ersten Mal: In Kanada ist der „Ring“ noch nie gezeigt worden. Ich kann mich also kaum auf die Rezeptionsgeschichte oder auf Patrice Chéreaus bahnbrechende Inszenierung beziehen, denn die Kanadier müssen erst mal die Story kennen lernen. Aber auch das ist eine Herausforderung für mich.

„Ararat“ läuft heute 21.30 Uhr im Cinestar 2. Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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