Kultur : Erzählt von großartigen Autoren: Geschichten über Kinder in der Geschichte

Stephanie von Selchow

Schulamith und Jochanan, beide elf, sollen nach Galiläa fliehen: Die Römer wollen alle Juden, die sich auf der Festung Masada am toten Meer verschanzt haben, töten. Diese beiden Kinder hätte es geben können, im ersten Jahrhundert nach Christus. Vielleicht gab es im 17. Jahrhundert einen Pagen wie den erfundenen Ernst von Ehrenberg, den man der Hexerei bezichtigte, und dessen Vermögen ein Onkel, ein intriganter Bischof erbte?

21 Geschichten aus 20 und einem Jahrhundert lassen Geschichte (und Zukunft) lebendig werden: Erzählte Bilder, die darstellen, welche Kultur und welcher Konflikt für welches Jahrhundert typisch war.

Gute Jugendbuchautoren, fast alle bekannt für ihre historischen Romane, bürgen dafür, daß die Pinselstriche farbig, aufregend und einprägsam sind: Mirjam Pressler etwa, Arnulf Zitelmann, Anita Siegfried, Harald Parigger oder Karla Schneider und Josef Holub.

Nebenbei lernt man viel über Kultur, Religion, die kritische Rolle der Kirche, die Entwicklung der Menschenrechte, die Sitten und Gebräuche der Zeitalter. Vor allem aber wird begreiflich, wie zäh der Kampf um Humanität, Würde und Mündigkeit und gegen Menschenverachtung, Dummheit, Unterdrückung und Barberei ist. Die Mächtigen waren von jeher besorgt um Ruhm und Reichtum, während die kleinen Leute um Überleben, Freiheit und Selbstbestimmung kämpften. Und doch gibt es auch den weisen, oder geläuterten Patriarchen, der im 16. Jahrhundert gegen die Ermordung der Indianer in "Neuspanien" kämpft. Oder den ekelhaften kleinen Strandräuber, der sich kein Gewissen daraus macht, einen Hilflosen zu attackieren.

Klug, dass am Anfang dieser Anthologie keine Jesus-Geschichte steht, sondern die Würde und Kraft der jüdischen Kultur. Auch im 11. und 13. Jahrhundert geht es um das Verhältnis zwischen Juden und Christen: Diese Geschichten, das leht auch die Gegenwart, müssen immer wieder erzählt werden, gegen Vorurteil und Vergessen.

Orginell ist die Einbettung großer historischer Abenteuer und Legenden in die historischen Tableaus: Störtebeckers Tochter lehnt sich im vierzehnten Jahrhundert gegen ihren brutalen Herrn, den Herzog auf; im zwölften Jahrhundert warnt Tom, der Sohn des Wirtes, Robin Hood vor einer Falle des Sheriffs. Und Johannes Faust schafft es, im fünfzehnten das Lesen zu lernen, obwohl er unehelich und bettelarm geboren wurde. In einer spannenden Abenteuergeschichte erfährt der Leser etwas Typisches über das jeweilige Jahrhundert und lernt gleichzeitig die großen Stoffe der Literatur kennen.

Alexandra Raks Anthologie, der man die Lust am Büchermachen anmerkt, ist nicht nur dicht und orginell, meinungsfreudig, mutig, kritisch und hervorragend zusammengestellt, sie ist auch witzig: Carmen Blazejewskis Einfall etwa, eine Tochter von Störtebecker zu erfinden, oder Martina Dierks Idee, Matze, der sich nicht die Bohne für Geschichte und schon gar nicht für die Völkerwanderung interessiert, ins vierte Jahrhundert zu versetzen, wo die Hunnen ihm den Gameboy klauen. Ganz zu schweigen von den Müslipillen des 21. Jahrhundert, die shooting star Zoran Drvenkar erfunden hat. Schließlich ist auch noch der Anhang, wie er sein muss: Kurz, bündig und klar werden die Erzählungen in ihren historischen Zusammenhang gestellt.

Ein eigenwilliger, literarischer Bilderbogen der Geschichte. Eine Bereicherung für jeden Leser. Ein moderne AnthologieAlexandra Rak (Hrsg): Von Gestern und Morgen. Mit 21 Autoren durch zwanzig und ein Jahrhundert. Oetinger Verlag, Hamburg 2000. 296 Seiten. 29 Mark

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