Kultur : Erzählte Spannung - Die Krimiautorin feiert Geburtstag

Katharina Sieckmann

Wenn eine Krimiautorin im Grunde zwei Leben hat, wie oft gesagt wird, und wenn sie nun siebzig Jahre alt wird, was heißt das? Bedeutet das, dass sie hundertvierzig Jahre alt wird oder eigentlich erst fünfunddreißig? Die Rede ist von der Autorin Ruth Rendell, die auch unter ihrem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist. Betrachtet man die Anzahl der veröffentlichten Bücher, so würde man eher auf hundertvierzig Lebensjahre tippen. Betrachtet man allerdings die Frische und Dynamik ihrer Bücher, so möchte man eher an die jugendlichen fünfunddreißig glauben.

Ruth Rendell, von Kritikern, Kollegen und Lesern gleichermaßen verehrte "Königin der Kriminalliteratur" feiert heute ihren 70. Geburtstag. Ihre Inspirationsquelle könnte die von uns allen sein: sie ist nichts als der ganz normale Alltag. Immer wieder agiert Ruth Rendell als Psychologin und blickt in die seelischen Abgründe der Menschen. Ob die nun arm oder reich, Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener sind, spielt keine Rolle.

Sie zeichnet ihre Charaktere feinfühlig und gewissenhaft. Warum handeln diese Leute so, wie sie handeln, warum treffen sie genau diese Entscheidung, die fatale oder raffinierte, glückliche oder verzweifelte, die ihr Leben für immer verändern wird? Bilder entstehen im Kopf der Leser, und es ist ein Leichtes, sich in die Welten der "Romanhelden" einzufühlen. Wo ist die Grenze zwischen Hass und Verzweiflung, zwischen Heimtücke und Ausweglosigkeit? Hintergründige Verstrickungen und exzellent gezogene Spannungsbögen zeichnen Rendells Romane aus. Und doch vergisst sie nie eine Prise Gesellschaftskritik. Sie ist eine wachsame Beobachterin, eine, die den Menschen den Spiegel vorhält.

Der Fels in der Brandung ihrer Geschichten ist seit mehreren Jahrzehnten Chief Inspector Wexford. Er ist nostalgischer Anhänger der guten alten Sitten und versucht mehr recht als schlecht, mit den emanzipatorischen Bestrebungen der Frauen in seiner Familie Schritt zu halten. Egal, ob er mit Schokoladenpudding gegen seine Diät verstößt, sich im größten Tumult eine Blume ins Knopfloch steckt oder monatelang seinem verloren gegangenen Regenmantel mit dem herzförmigen Fleck über dem Saum hinterhertrauert: Er ist ein durch und durch menschlicher und deshalb sympathischer Zeitgenosse und findet doch geistesgegenwärtig und scharfsinnig immer die richtige Spur.

Auch in ihrem neuen Buch "Das Verderben" beweist Ruth Rendell, dass sie eine Meisterin ihres Fachs ist. Kunstvoll strickt sie einen Handlungsstrang neben den anderen und wenn sich die Leserin gerade fragt, was das plötzliche Verschwinden zweier Mädchen mit dem Mord an einem Polizisten, den Drohanrufen im Frauenhaus und der Freilassung eines Sittlichkeitsverbrechers zu tun hat, dann beginnt Rendell, die feinen Verbindungen ans Licht zu bringen. Just in dem Moment, in dem der Leser glaubt, eine Ahnung zu haben und Täter und Motive zu durchschauen, kommt doch noch alles ganz anders als erwartet und nur ein wenig wie erhofft.

Der Anfang ist das Ende und das Ende der Anfang. Auch die Lösung dieses Falls ist nur scheinbar banal. Wie immer. Es ist nur eine Haaresbreite Dramatik, die in den letzten Zeilen den Atem der Leserin noch einmal zum Stocken bringt und dann den berühmten Rendellschen Knalleffekt zum Schluss beschert.Ruth Rendell: Das Verderben. Roman. Deutsch von Cornelia C. Walter. Blanvalet, München 2000. 480 Seiten, 44,90 DM.

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