Erzählungen : Die Tränen des Eros

Selbstbeobachtung und pubertäre Wut: „Die Bibel“, eine der frühesten Erzählungen von Péter Nádas.

Nicole Henneberg

Als 1967 in Budapest die Erzählung „Die Bibel“ erschien, war ihr heute weltberühmter Autor 25 Jahre alt. Péter Nádas hatte einige Semester Chemie studiert, als Fotograf und Fotoreporter gearbeitet, sich dann aber ganz dem Schreiben gewidmet. In der schon fünf Jahre zuvor entstandenen Geschichte finden sich schon die wichtigsten Charakteristika seines Werks: der behutsame, aber unerbittlich klare Ton, der genaue Blick auf Angst und Lügen der ungarischen Rákosi-Ära sowie die Lieblosigkeit jener Zeit, die sich mit den erotischen Qualen der jugendlichen Hauptfiguren mischt.

Schließlich eine Spurensuche, die sich durch Zeit- und Bilderschichten, durch Gerüche und Farben bewegt, um aufzuspüren, was hinter den lebensbestimmenden Zufällen steckt. „Dem Netz der Alltäglichkeiten nachzugehen, das ist meine Hauptbeschäftigung,“ erklärt Nádas, „den alltäglichen Gesten und Sätzen; herauszubekommen, woher etwas kommt, wozu es führt – unabhängig davon, ob es sich um eine Haupt- oder Nebenperson handelt. Ich muss möglichst viel wissen, deswegen beschäftige ich mich mit der Vergangenheit.“

„Die Bibel“ spielt Mitte der fünfziger Jahre in einer herrschaftlichen Villa auf dem „Hügel“, einem Nobelviertel von Budapest. Der junge Erzähler lebt hier mit Großeltern und Eltern, beide sind hohe Parteifunktionäre, die sich wenig um den Sohn kümmern, der in seiner abendlichen Einsamkeit auf jeden Laut hört, der aus dem elterlichen Schlafzimmer kommt. Das protzige, kalte Haus mit dem labyrinthischen Garten (hier hat auch der Schriftsteller aus dem „Buch der Erinnerung“ seine Kindheit verbracht) scheint „für eine fremde Lebensform“ bemessen – alles wirkt hier falsch, jeder Satz doppelbödig. Von Beginn an ging es Nádas um die Schmerzpunkte, an denen intimes und politisches Leben einander ausschließen. Als ein tiefreligiöses, dabei sehr sinnliches Dienstmädchen ins Haus kommt, brechen die Spannungen aus Scham, Liebesverweigerung und seelischer Not aus. Szidike, die vom jungen Erzähler erotisch bedrängt und gequält wird, weiß sich nicht zu helfen.

In einfachen, fast spröden Sätzen wird diese explosive Mischung beschrieben. Wie unter einem dumpfen Zwang überschreitet der kindliche Ich-Erzähler immer wieder seine Grenzen, als bräuchte er handgreifliche Reaktionen, um zu begreifen, in welcher Welt er lebt. Als er in einem Wutanfall vor Szidikes Augen eine Bibel zerreißt, ist ihre sprachlose Bestürzung so groß, dass er beinahe weinend zur Mutter flüchtet, um alles zu beichten – bis ihm einfällt, wie verächtlich sie auf Szidikes Armut und kindliche Gläubigkeit herabsieht. Ein grauer Nebel liegt über dieser kommunistischen Musterfamilie: die Eltern, Widerstandskämpfer während des Krieges, sind jetzt Nutznießer eines, wie der Sohn fühlt, menschenverachtenden Regimes.

Nádas stellt dieser Erstarrung eine klare, aber unausgesprochene Moral entgegen: Zivilcourage und kompromisslose Individualität. Er ist ein altmodisch moderner Autor, der an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit glaubt, aber keine Hoffnung darauf setzt. Jeder seiner Sätze drückt diesen Widerspruch aus – das macht die im doppelten Sinn unheimliche Spannung seines Erzählens aus.

Die ganze Tragik dieser Geschichte offenbart sich bei einem Besuch von Mutter und Sohn auf dem Land. In dem Bauernhaus ohne Strom und Wasser, wo Szidike zu Hause ist, liegt die zerfledderte Bibel aus der Villa – ein Andenken der Mutter, die im Krieg Flugblätter darunter versteckte – neben einer geschenkten Orange von einem Regierungsempfang der Eltern.

Die Stärke der Erzählung liegt in ihren raffiniert einfachen Bildern und der unspektakulären Handlung mit ihrem klassischen Muster: In der naiven Aufrichtigkeit des Bauernmädchens spiegeln sich die Lebenslügen der Herrschaft. Noch hat der Ich-Erzähler sich nicht entschieden, zu welcher Seite er gehören will, ist mit pubertärer Wut und Selbstbeobachtung beschäftigt. Manchmal wirkt die Zwangsverbindung von Eros und Gewalt allzu konstruiert, doch es gibt eine wunderbare Liebesszene, die nur daraus besteht, dass der pummelige Junge nach einem demütigenden Ballspiel mit der Nachbarstochter ihr erregt einen Schweißtropfen von der Wange leckt. Liebesgefühle sind hoffnungslos ambivalent – das ist seine wichtigste Lektion nach wochenlangen Angstfantasien.

Péter Nádas:

Die Bibel. Erzählung. Aus dem Ungarischen von Ruth Futaky. Berlin Verlag, Berlin 2009. 96 Seiten, 18 €.

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