Erzählungen von Joshua Cohen : Klick und weg

Wem gilt der Zeigefinger? In seinem Erzählungsband "Vier neue Nachrichten" erzählt Joshua Cohen mit den überbordenden Mitteln des Internets.

Jan Wilm
Ein Lamm kann jeder sein. Der amerikanische Erzähler Joshua Cohen.
Ein Lamm kann jeder sein. Der amerikanische Erzähler Joshua Cohen.Foto: Adam Gong/Schöffling

Das Land horcht und schreit auf, wenn Staatsbürger bespitzelt und Staatsköpfe ausgelauscht werden. Diese Empörung ist gut, auch wenn man nicht so tun sollte, als wäre das etwas grundlegend Neues und Literatur der erste Ort, an dem es verhandelt werden muss. Es braucht eine hohe stilistische Meisterschaft, um mit erhobenem Zeigefinger Erzählendes zu balancieren. So, wie es etwa Dave Eggers in seinem Roman „Der Circle“ tut, der eine Zukunft imaginiert, in der die großen Brüder Social Media und Internetkonzerne sind, geschieht es jedenfalls sehr viel ungelenker als bei George Orwell.

In Joshua Cohens Erzählungsband „Vier neue Nachrichten“ bleibt offen, wem der Zeigefinger gelten könnte: der digitalen Welt oder den Menschen, die ihre Finger nicht von Tastaturen und Touchscreens lassen können. Cohens Storys, von Ulrich Blumenbach in einen irrwitzigen lyrischen Sound übertragen, entwerfen Welten, in denen Drohung und Versprechen des digitalen Lebens gleichermaßen zu Hause sind.

In „Emission“ berichtet der Drogenhändler Mono, wie er auf einer Party im Klima „belangloser Vertraulichkeit“ den Gästen erzählt, dass er auf einer ähnlichen Party einem im Hinterzimmer schlafenden Mädchen einmal einfach in die Hand onaniert hat. Am Tag darauf ist Mono digital berühmt. Der Blog einer Frau, die sich unter den Gästen befand, erklärt den Schandfleck in der Hand des Mädchens zum Schandfleck seines Lebens. Verlinkt, quergepostet und ausgeschmückt ist Monos Ruf schnell ruiniert. Er will raus aus dem Web, seine peinliche Geschichte ausradieren, denn „das Netz ist wie ein verschwitzter Schuh: Was da mal drin ist, lebt ewig“. Aber Mono und die Erzählung verschwinden nicht, obwohl er eine Juristin anheuert, die sein Webprofil bereinigen soll. In den Social Media läuft die Kleinigkeit aus dem Ruder.

In Netzpornos verkaufen Frauen Körper und Seele

Auch „Gesendet“, die längste Erzählung des Bandes, entwirft eine Welt, die eine Nebensächlichkeit nach den Regeln der Vervielfältigungsmaschine Internet aufbläst. Das Ganze beginnt als Märchen über ein baumhaftes Wesen, das zur Geburt seines Sohnes ein Holzbett baut. Generationen dieser Baummenschen und undeutlichen Erzählern auf ihren Abschweifungen folgend, kommt diese fabelhafte Geschichte schließlich an einen toten Punkt: „Diese Erzählung wird anders enden, als sie begonnen hat. Keine kitschigen Schilderungen mehr, Schluss mit den Volksmärchen.“ Weggeklickt.

Jetzt folgt der Leser auf einmal einem jungen Journalisten, der eine Obsession entwickelt für eine Internet-Pornodarstellerin, die ihre Arbeit auf eben jenem Bett aus dem Volksmärchen verrichtet. Er sucht nach ihr und ihrem Schlafplatz und erreicht schließlich Osteuropa, wo junge Frauen für Netzpornos ihre Körper und vielleicht auch Seelen verkaufen, um Armut und Anonymität zu entkommen: „Nach Ende der Dreharbeiten hören diese Mädchen auf zu existieren, weil sie nicht mehr nur Körper sind, sondern auch Bild, sie sind überall, gehören jedem.“

Cohen stellt aber auch die unangenehme Frage: Ist Anonymität vielleicht beschämender als ein ruinierter Ruf, eine verlorene Seele? Der 34-jährige Amerikaner ist ein begnadeter Schriftsteller, der sich auf die fiebrige Sprache eines David Foster Wallace genauso versteht wie auf die Stimmungsmalerei großer Realisten und gewagte Vergleiche nicht scheut, wenn es über Berlin einmal heißt, dass sich ein Frühstück dort „wie kommunistische Prachtalleen bis weit in den Nachmittag erstrecken konnte“.

Cohens „Nachrichten“ stecken voller überbordender Fantasie, Neologismen und hypotaktischer Hyperlinkhaftigkeit. Zwei weitere Erzählungen sind Geschichten von scheiternden Schriftstellern und sind inhaltlich völlig webfrei, aber Cohen entwickelt einen Stil, der ohne das Netz nicht denkbar ist, indem er aus dem Überangebot an Sprachebenen, Formen und Strukturen schöpft. Er zeigt, dass nicht nur das Internet seine Wurzeln in der Literatur geschlagen hat, sondern dass der Literatur eine Ästhetisierung des Netzes gelingen kann, fernab von Gemeinplätzen.

Joshua Cohen: Vier neue Nachrichten. Erzählungen. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2014. 272 S., 19,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben