Erzählungen zur Sklaverei : Das Schweigen der Archive

Wie erzählt man die Geschichte der Toten? Eine Veranstaltung der Mobile Academy und des Humboldt-Forums über Erzählungen zur Sklaverei.

Die Mechanische Arena, Schauplatz von "Das Milieu der Toten".
Die Mechanische Arena, Schauplatz von "Das Milieu der Toten".Foto: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / David von Becker

Das Mädchen hing an einem Seil vom Mast herunter, wand sich, strampelte, erinnerte an eine zerfetze Fahne im Wind. Was genau mit ihr geschehen ist, ist unklar. Nur eines ist gewiss: Sie starb. Die einzige Erinnerung an ihre Existenz sind die Gerichtsprotokolle aus dem Jahr 1792. Das Mädchen, dessen Name vergessen ist, ist nur ein Beispiel für das Loch in den Archiven, wenn es um die Geschichten der Sklaven geht.

Mit diesen Szenen begann eine Veranstaltung der Reihe „Das Milieu der Toten“, eine Kooperation der Mobile Academy Berlin und des Humboldt-Forums in der Elisabethkirche. Es sind Eindrücke aus dem Buch „Lose your Mother“ von Saidiya Hartman, Literaturprofessorin an der Columbia-Universität in New York. Darin beschäftigt sie sich mit den verwischten Spuren der Sklaverei. Wie erzählt man die Geschichte der Toten? Das ist auch der Fokus der Veranstaltung.

Hartman thematisiert die Leerstellen in den Archiven – die fehlenden Stimmen der Versklavten und die daraus resultierende Unmöglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen. Denn die Geschichtsschreibung ist verzerrt, angelegt von Sklaventreibern und der weißen, wohlhabenden Klasse. Außerdem geht es bei Erzählungen zur Sklaverei nicht um Vergangenheit, wie Hartman sagt. Die damals geschaffenen Strukturen von Gewalt und Enteignung sieht Hartmann auch in der heutigen US-Gesellschaft. Sie zieht eine Linie zur Polizeigewalt gegen Afroamerikaner. Diese bleibt, wie auch die Morde an den Sklaven, oft ungesühnt.

Historische Recherche und empathische Vorstellungskraft

Die Unzulänglichkeiten der Archive sind jedoch nicht nur für die politische Aufklärung ein Problem, sondern auch für Kunst und Kultur. Museen sind angewiesen auf diese Aufzeichnungen, die Herkunft der Ausstellungsstücke ist oft fragwürdig. Auch das Humboldt-Forum steht an diesem Abend in der Kritik. In der Debatte um die koloniale Vergangenheit ethnologischer Sammlungen gibt es großen Nachholbedarf.

Historische Recherche mischt sich mit emphatischer Vorstellungskraft: So könnte man zu reflektierten Ausstellungen über Sklaverei und Kolonialismus kommen. Ein Beispiel dafür gibt die Arbeit Saidiya Hartmans. Sie benutzt „Critical Fabulation“, verknüpft Archivrecherche mit fiktiven Erzählsträngen. So breitet sie im Laufe des Abends die Geschichte des getöteten Sklavenmädchens aus. Und sie erzählt glaubhaft, wie das Opfer sich gefühlt haben muss, auch wenn das in keinem Archiv der Welt nachzulesen ist.

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