Erzählwettbewerb : Solopart

Keine zehn Pferde bringen mich auf dieses Fest, habe ich gesagt, ich will das nicht sehen, wenn Nele tanzt. Aber dann kracht das Herz in die Hose und es hämmert im Kopf: Die Siegergeschichte von Franziska Schramm.

Finale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs 2011 in den Museen Dahlem.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
16.04.2011 09:19Finale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs 2011 in den Museen Dahlem.

Gestern musste ich die Generalprobe über mich ergehen lassen. Ich will das nicht sehen, hab ich gesagt, keine zehn Pferde bringen mich auf dieses Fest, aber dann hat meine Mutter mit Mausi angefangen und mein Vater mit Jessica und Mama hat schließlich ihre Trumpfkarte gezogen und meinen Computer ins Spiel gebracht. Und jetzt sitze ich also doch hier auf der harten Bierbank, es ist heiß, mein T-Shirt klebt unter den Achseln und ich esse keine Bratwurst, obwohl der Mann mir gegenüber mich dazu ermuntert, Madla, sagt er zu mir, ein bisserl was auf die Rippen tät dir net schaden, und ich muss unwillkürlich an mir runtergucken, dabei geht das den ja wohl mal überhaupt nix an, was ich esse und was nicht.

Madla, sagt er und ich ärgere mich, dass ich mich hierher gesetzt habe, und dass Papa am Grill steht und Mama bei den Kindern und alle irgendwo dabei sind, nur ich nicht, aber Gott sei Dank mischt sich jetzt die Frau von dem Mann ein. Geh, Manfred, lass doch die Jugend, sagt sie und lächelt mir zu, ich bin nämlich die Jugend, war doch klar, dass hier niemand in meinem Alter ist, bunte Luftballons hängen träge in der Mittagshitze, der Posaunenchor scheppert, irgendwelche Kinder laufen rum, schreien, machen Dosenschießen und irgendwelche Senioren verkaufen selbst gehäkelte Deckchen.

Gemeindearbeit nennt sich das, was meine Mama macht, und der Mann mit dem Madla-Scheiß quatscht mich weiter voll, was für eine Tolle doch meine Frau Mama sei, wie sie das mache mit den Kindern, einfach bewundernswert, und er freue sich schon auf die Vorstellung, damit meint er den Tanz, das, was meine Frau Mama mit den Kindern einstudiert hat und was ich mit ansehen muss, weil meine Schwester einen Solopart hat, was gestern zu einem Vulkanausbruch in unseren Wohnzimmer geführt hat.

Ich saß auf dem Sessel, Papa auf dem Sofa, Mama daneben und Nele führte es vor, ihre Bewegungen ungelenk, ihr Gesicht angestrengt verzogen und der Rotz lief ihr aus der Nase. Ich will da nicht mit, sagte ich, ich geh da nicht hin. Und dann fing Mama an mit ihrer weichen Stimme, Mausi, sagte sie, du könntest dich ruhig ein wenig für das Leben deiner Schwester interessieren, das ist wichtig für sie, zu zeigen, was sie kann, sagte sie mir ihrer Samtstimme, dabei kann meine Schwester gar nicht tanzen. Nele ist zwölf und hört Justin Bieber, was auch schon das Einzige ist, was an ihr normal ist, Nele, die nicht Fahrradfahren kann und mit dem Stift zu fest aufdrückt, wenn sie schreibt, Nele, die Dreckhaufen töpfert und dafür gelobt wird, Nele, die integrativ malt und trommelt und zum therapeutischen Reiten geht, und dann mischte sich auch noch Papa ein, Jessica, sagte er, und das ist fast noch schlimmer als wenn Mama Mausi sagt, Jessica, das tut dir auch mal gut, unter Leute zu kommen.

Nur weil alle denken, ich hätte keine Freunde, ich hab aber welche, wir schreiben uns im Internet, aber das erkläre mal meinen Eltern, die auf dem Sofa sitzen und so ein Scheiß glückliches Sozialpädagogenpaar abgeben. Da ist aber niemand in meinem Alter, hab ich gesagt und hatte recht damit, und da sitze ich jetzt also, mein T-Shirt klebt und bestimmt hab ich Schweißflecken, ich sehe rüber, wo Mama mit den Kindern die Bühne vorbereitet, sie scheint irgendwas furchtbar lustig zu finden, ich murmle was von Klo und zwänge mich aus der Bierbank.

Ich muss an der Bühne vorbei, Mama hängt gerade Bettlaken an einer Schnur auf, als Bühnenhintergrund, und irgendwer, der sich jetzt umdreht … da kracht mir plötzlich das Herz in die Hose. Der sich da umdreht in Jeans und rotem T-Shirt, den kenn ich, und alles fängt an zu hämmern in meinem Kopf, irgendwas sprüht Konfetti unter meiner Schädeldecke, weil ich den nämlich gar nicht kenne, sondern immer nur auf’m Pausenhof gesehen habe, vor zwei Wochen ist er an unserer Schule aufgetaucht und jetzt redet der mit Mama, Scheiße, woher kennt die den denn, und jetzt macht er was mit den Boxen und dann höre ich kurz Musik auf der Flucht zur Toilette.

Was macht der denn hier, hat der mich gesehen? Und Mama, warum lacht Mama mit dem, wo sie mich doch gestern so vorwurfsvoll angeguckt hat und mit ihrer Samtstimme rumgesummt hat und wie dann doch etwas in mir den Mund aufgemacht hat, wie dann doch noch so ein Schrei aus mir rausgekommen ist und meine Eltern zusammengezuckt sind. Nele kann überhaupt nicht tanzen, explodierte es in meinem Mund, ihr tut immer so als wär alles normal, dabei ist überhaupt nix normal und alle gucken, im Bus, im Supermarkt, Nele kann überhaupt nicht malen, nicht töpfern und auch nicht tanzen, und außerdem hab ich nie Reitstunden nehmen dürfen. Und dann bin ich aus dem Raum geflohen unter dem Nachhall meiner Worte, die jetzt zwischen den Kacheln weiter ihre Runde drehen, und weil dieses stille Örtchen es auch nicht besser macht, weil ich auch überhaupt nicht pinkeln muss, gehe ich wieder raus und laufe in den hinteren Teil des Gartens.

Die Vorstellung geht jetzt los und Mama spricht ins Mikrofon und kündigt die Tanzgruppe an, Justin Bieber beginnt zu singen und eine Gruppe von sieben Mädchen macht Bewegungen mit den Armen und hüpft auf und ab, sie alle haben bunte Strähnen ins Haar geflochten und kunterbunte T-Shirts, meine Mutter gibt von der Seite hektisch Anweisungen, ihre Wangen hochrot, und dann ist es so weit. Der Solopart meiner Schwester. Ich will die Augen zukneifen, nehme aber aus den Winkeln eine rote Bewegung wahr und dann sagt jemand, Hey Jessica, und der Neue vom Pausenhof steht neben mir und hält mir lächelnd ’ne Spezi hin, ein paar Konfetti wirbeln auf, ich gucke nicht gerade intelligent und greife schließlich zur Flasche mit dem weißen Strohhalm, sein Mund lächelt immer weiter und sagt: Ich bin Jan, der Sohn vom neuen Pfarrer.

Vorne auf der Bühne tanzt meine Schwester und ich wundere mich, dass er meinen Namen kennt, er kenne meine Mutter, erklärt er, er habe bei den Vorbereitungen geholfen, die Technik und so. Und dann bleibt er stumm neben mir stehen und guckt zur Bühne, als wären wir verabredet gewesen, als säßen wir im Kino, dabei ist das meine Schwester und nicht Julia Roberts und ich sauge an meinem Strohhalm und starre auf Nele, die auf der Bühne irgendwas mit ihrer Hüfte macht.

Du machst was mit HTML, fängt Jan neben mir wieder an, Webseiten und so, hat deine Mama erzählt. Find ich gut. Ich nicke und schiele vorsichtig in seine Richtung und auf einmal muss ich an Nele denken, wie sie gestern nach dem Streit zu mir gekommen ist, sich zu mir ins Bett gekuschelt und meine Tränen weggewischt hat, wie sie da auf der Bühne steht, mit ihren unrhythmischen Bewegungen, ihren fliehenden Pupillen, ihrer Zungenspitze, die ich sehen kann, obwohl ich zwanzig Meter weit weg bin, ich kann die Freude in ihrem Gesicht sehen, den Schweiß auf ihrer Stirn, die roten und blauen Strähnen, die wie fliegende Pferde um ihren Kopf schweben, ich kann ihre Augen sehen, die zu mir aufsehen, ihre Arme spüren, die sich um mich schlingen, ihre Stimme, die sagt: Jessi, ich hab dich doch lieb.

Leicht gekürzte Fassung.

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