Kultur : Erziehung heute: Zeit der Pflichten

Christine Brinck

Werte, Familie, Familienwerte - family values. Die Amis haben das Problem schon zu Reagans Zeiten erspäht, jetzt kommt es mit Verspätung in Deutschland an - keinen Moment zu früh. Die Deutschen werden weniger, die Politik entdeckt die Familie. Die war schon immer da, aber urplötzlich wird die Familie als Ort aller Versäumnisse und Hoffnungen erkannt. Familien bestehen aus Eltern und Kindern, und für alles, was bei den lieben Kleinen falsch läuft, werden stets neue Sündenböcke ausgemacht: Fernsehen, Schule, Umwelt und nun auch die Eltern. "Wir müssen unsere Kinder wieder mehr erziehen", ruft Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf, "und ihnen Werte vermitteln." Die First Lady wettert gegen Handys in Kinderhand, zu viel Fernsehen und zu spätes Zubettgehen. Ihr geht es nicht um "konservative Klischees", sondern um "Tugenden und Werte, die wir von Generation zu Generation weitergeben müssen". Die neue Strenge steht auf dem Programm.

Frau Köpf hat es gut. Nach Jahren als allein Erziehende mit Vollzeitjob und Ganztagskindergarten, kann sie sich jetzt ziemlich entspannt den Mutterpflichten hingeben. Aufstehen mit dem Kind, Frühstücken mit dem Kind, zur Schule gehen mit dem Kind, Abholen, zum Reiten fahren, zur Klavierstunde gehen. So viel Zeit müsste man auch haben, stöhnen da die 63 Prozent der Mütter mit minderjährigen Kindern, die erwerbstätig sind. Zeit ist das Einzige, was die meisten Eltern nicht haben.

"Zeit-Armut" nennt das der Harvard-Psychiater Felton Earls. Der hat freilich auch beobachtet, dass selbst wenn die Eltern mit dem Nachwuchs reden, oft nicht viel dabei herauskommt: "Wenn Kinder Rat suchen, bekommen sie oft unklare Antworten, weil die Erwachsenen viele Fragen für sich selbst nicht geklärt haben." Kein Wunder. Wer stets nur auf die materielle Versorgung schielt, hat weder für sich selbst noch für die Kinder Zeit. Um den Weg zu deren Herzen zu finden, müssen Eltern vorweg in ihr eigenes Herz blicken, sich über die eigenen Werte und Bedürfnisse im Klaren sein. Im ewigen Wettlauf um Selbstverwirklichung und Geldverdienen bleiben solche tiefgründigen Auseinandersetzungen auf der Strecke. Hocherfreut nahmen denn auch die erschöpften Eltern vor einigen Jahren die tröstliche Entlastung aus dem Munde der US-Psychologin Ruth Harris auf: Keine Sorge, Eltern zählen gar nicht. Entscheidend für den Charakter, so die wackelige These der Mrs. Harris, seien die Gene und die Gleichaltrigen. Da muss man nichts machen, denn dann kann man nichts machen. Das schlechte Gewissen durfte sich entspannt zurücklehnen. Genetik ist alles?

"Gene", sagt der spanische Neurobiologe Jose M. R. Delgado, der lange in Yale lehrte, "vermitteln keine Werte. Gene sind zwar die Grundlage dafür, dass wir Werte lernen können, aber das muss von elterlicher Fürsorge begleitet sein." Und schon drängt sich die elterliche Fürsorge wieder ins Zentrum. Ohne sie geht nix. Eltern sind in der frühkindlichen Erziehung die Einzigen, die Werte vermitteln, die den Kleinen den Unterschied von Gut und Böse nicht nur vorzeigen, sondern auch vorleben. Von dieser Verantwortung kann sie niemand freisprechen; Krippe und Hort haben allenfalls ergänzende Funktion.

Die jüngste Krippenstudie aus den USA lässt über die Auswirkungen von Fremdbetreuung auch keine rosigen Schlüsse zu. Je mehr Zeit ein Kleinkind in der Fremdbetreuung verbringt, desto aggressiver, statistisch gesehen, wird es. Die Konsequenz? Gute Familienpolitik muss für eine Förderung der (frühkindlichen) Erziehung in der Familie und nicht für eine Auslagerung aus der Familie plädieren. Aber: Welche Werte soll denn die Familie vermitteln?

Die Erste Mutter, Frau Köpf, nennt Pflichtbewusstsein, Aufrichtigkeit, Fleiß. Alt-Kanzler Schmidt spricht von Verantwortungsbewusstsein, und Ministerpräsident Clement zählt Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe dazu. Einfacher ausgedrückt geht es in der Familie um Liebe, Verlässlichkeit und Regeln. Dieses Wertepaket kann besser zu Hause als in der Krippe geschnürt werden.

Es kann auch nicht angehen, dass wir der Schule aufhalsen, was in die Familie gehört. In der Familie wird erzogen, in der Schule auf dieser Erziehung aufgebaut, also Wissen vermittelt und gebildet. Eltern müssen wieder lernen, dass es nicht reicht, Kinder in die Welt zu setzen. Eltern haben auch die Verantwortung ihre Kinder fit für die Welt und das Leben zu machen. Der Staat ist kein Ersatz, wie an unzähligen Biografien von Heimkindern leicht abzulesen ist. Eltern machen einen gewaltigen Unterschied, wenn sie ihren Eltern-Job ernst nehmen. Sie müssen nicht nur für Nahrung, Unterkunft und Unterhaltung sorgen, sondern Vorbild sein, Grenzen ziehen, konsequent handeln und zuverlässig da sein.

Es ist ein mühseliges Geschäft, auf dem schmalen Grat zwischen starkem und erdrückendem Einfluss zu wandeln. Jeder hat nur einen Satz Eltern; die sollten das ausnutzen und nicht versuchen, zu "Freunden" ihrer Kinder zu mutieren. Dafür sind die Gleichaltrigen da. Und wer sein moralisches Rüstzeug von den Eltern mitgekriegt hat, der hält auch den größten Gruppendruck aus, ob es sich um Handys, Fernsehen, Miss Sixty-Jeans oder Ladenklau handelt. Die staatliche "Ganztagsbetreuung", wie die Kanzlergattin wähnt, löst das Werteproblem leider nicht. Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.

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