Kultur : Es betet der Torero

Isabel Herzfeld

Sie holen auf, und zwar mit einem Atem beraubendem Tempo: In kaum ein Land Europas sind in den letzten Jahren so viele Klassik-Ensembles und Orchester gegründet worden wie in Spanien. Klar, dass man die neue Klassik-Kultur auch nach außen hin präsentieren möchte, und zwar, als kulturelles Rahmenprogramm der spanischen EU-Ratspräsidentschaft und unter tatkräftiger Unterstützung des Finanzministeriums am besten mit der anspruchsvollsten, intellektuellsten aller Gattungen: Dem Streichquartett.

Doch vielleicht werden die jungen Musiker des Streichquartetts "Juventudes Musicales de Madrid" durch diesen staatlichen Repräsentationsrahmen im Konzerthaus schlicht zu hohen Erwartungen ausgesetzt. Ihr Spiel ist so solide und verständnisvoll wie das der meisten Absolventen europäischer Musikhochschulen. Nach leicht verschwommenem, dann vorsichtig tastendem Beginn von Beethovens C-Dur-Quartett op. 59 Nr. 3 entwickelt sich reizvolle klangliche Wärme und eine Vitalität, die vor allem der Schlussfuge immer neue Glanzlichter aufsetzt. Alles Gute kommt hier von unten: die Bratsche beeindruckt durch ihren sonoren, wandlungsfähigen Ton, der Cellist durch fulminante Beweglichkeit und die atmende Gestaltung großer Melodiebögen. Wenn er sich im langsamen Satz von Dvoráks "Amerikanischem Streichquartett" mit melancholischem Schmelz aussingt, haben die Geigen dem auch mit leidenschaftlichem Druck nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Uneinheitlich vor allem die Tongebung des Primarius, mal mit starrem Piano, dann wieder in heftigem Vibrato aufflackernd und leider nicht als bewusste Differenzierung der dynamischen oder klangfarblichen Palette erkennbar. Zu einheitlichem Klang und Persönlichkeit finden die jungen Musiker am ehesten im spanischen Idiom: den neoklassisch gefärbten "Vistas al mar" eines gewissen Eduardo Toldra und der musikalischen Skizze "La Oración del Torero" von Joaquín Turina, mit inbrünstigen Steigerungen geradezu dramatisch inszeniert.

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