Kultur : Es bleibt in der Familie

Silvia Hallensleben

preist die Freiheit des programmierten Menschen Alles erblich: Neuesten Forschungen zufolge sollen die Gene sogar unsere politischen Positionen steuern. So sei, das haben Zwillingsforscher herausgefunden, unsere Einstellung zum Sozialismus zu 36 Prozent erbbedingt. Allerdings durften die Probanden nur zwischen drei Optionen entscheiden – dafür, dagegen oder unentschieden. Da schauen wir uns doch lieber an, wie die programmierten Menschen es im echten Leben treiben. Nicht nur in Sachen Sozialismus erkenntnisreich ist da Winfried und Barbara Junges bahnbrechende Langzeitstudie der Kinder von Golzow , die einige Jungen und Mädchen aus dem Brandenburgischen seit ihrer Einschulung 1961 durchs Leben begleitet. Die Wende hat das Projekt unverhofft zum einzigartigen Dokument biografischer Umbrüche gemacht.

Doch wenn ab heute zu Winfried Junges 70. Geburtstag im Arsenal alle 18 Golzow-Filme präsentiert werden (außerdem gibt es im Blow Up am Freitag mit Jochen den bisher vorletzten Film der Serie), lässt sich auch ein bisschen Dokumentarfilmgeschichte studieren. Denn die Porträtierten werden im Lauf der Zeiten selbstbewusster und beginnen, den Filmemacher und seine Dauerpräsenz in ihrem Leben zu problematisieren.

Ein vergleichsweise kurzes Gastspiel dagegen haben Kamera und Hochkultur bei den jugendlichen Protagonisten von Rhythm is it! gegeben. Dafür thematisiert der Film umso deutlicher die – hier pädagogisch wertvollen – Wirkungen, die solche Begegnungen mit sich bringen. In der den Lola-Kandidaten gewidmeten Reihe im Freiluftkino Friedrichshain ist am Sonnabend nach dem Dokumentarfilm von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch auch die Dokumentation der kompletten Tanzaufführung von Le sacre du printemps zu sehen, deren Herstellung „Rhythm is it!“ begleitet.

Eine Begegnung der Generationen gibt es auch in Gianni Amelios jüngstem Film, der zur Eröffnung der dem Regisseur gewidmeten Hommage im Arsenal gezeigt werden sollte. Doch die Kopie fehlte, die Transportfirma hatte geschlampt. Heute soll es klappen: Le chiavi di casa , den Amelio nach sechsjähriger Arbeit letztes Jahr in Venedig präsentierte, erzählt von den Mühen der Annäherung zwischen einem Vater und seinem 15-jährigen behinderten Sohn. Der Film wird nach der Sommerpause im Pandora-Verleih in die Kinos kommen. Einstweilen mag mancher seine Energien auf eine konzentrierte Reprise der älteren Werke richten: Die italienisch-albanische Tragödie Lamerica (am Montag) ist eines der besten. Und leider immer noch hochaktuell.

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