Kultur : Es bleibt spannend

Carsten Niemann

Die Friedenauer Kammerkonzerte sind das gute Gewissen der Alte-Musik-Szene Berlins: Als sie vor gut fünfzehn Jahren gegründet wurden, sorgten sie mit dafür, dass hoch professionelle Musik auf historischen Instrumenten überhaupt regelmäßig in Berlin stattfand. Und heute? Heute sind die Konzerte im Kammersaal in der Isoldestraße ein Ort, der eine selbstverständliche Alternative zu den großen Musentempeln der Stadtmitte bietet; ein Ort, der es mit seinem familiären Kiez- und Kennerpublikum jenseits aller Marketinglogik schafft, wichtige Künstler nicht nur zur Selbstdarstellung, sondern auch zum Experimentieren im intimen Rahmen anzulocken.

Und Experimentieren muss man, wenn man sich, wie die amerikanische Barockgeigerin Mary Utiger, die bizarren Violinsonaten von Francesco Maria Veracinis vornimmt: Mit federleichtem Bogen und ohne jede Kraftmeierei verblüffte sie mit den Klangreden dieses so leidenschaftlichen wie reizbaren Geistes: Musik voller widerborstiger Themen, spleeniger Echo-Selbstgespräche und plötzlich hervorbrechender virtuoser Rasereien. In den schnellen Sätzen von zwei Violinsonaten Johann Sebastian Bachs reichte Utiger nicht ganz an die gelassene Perfektion ihrer Partnerin am Cembalo Christine Schornsheim heran. In den langsamen Sätzen jedoch berührte sie mit der Macht ihres zart singenden Tons und reizte den Geist mit ihrer leicht versponnenen Verzierungskunst. Bach verfolgte es von der Wand mit großen Ohren.

Denn mit dem Auftaktkonzert zur Saison 2002 eröffnete man zugleich eine Ausstellung mit Musikerkarikaturen F. W. Bernsteins ("Die schärfsten Kritiker der Elche"), der einst gleich um die Ecke mit Robert Gernhardt seine zeichnerischen Experimente startete. Auf diesen Kiez wird man weiter aufpassen müssen.

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