Kultur : „Es bleibt unter uns, yeah?“ Mehr als Satire: zum 70. von Eckhard Henscheid

Volker Hagedorn
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Er benutzt Jubiläen gern, um den Jubilaren eins überzubraten. Mozart etwa. Ihm gratulierte Eckhard Henscheid mit Lichtenbergs Wort über Klopstock, erhabener habe noch nie ein Geist stillgestanden. Jetzt wird der Schriftsteller und Satiriker Henscheid 70 Jahre alt, und wer von ihm gelernt hat, muss ihn tadeln: Er wirkt selbst ein bisschen wie steckengeblieben in jener alten Bundesrepublik, deren milden Wahnsinn er erkannte und in der er 1973 mit seinem historischen Roman „Die Vollidioten“ zum Dostojewski der 68er wurde. Wer mit „Herrn Jackopp“ und „Frl. Czernatzke“ Frankfurt durchmaß, im nächsten Roman kostete, wie im ANO-Teppichladen ein Sechsämtertropfen schmeckt, „gé-nau!“, und mit Alwin Streibl – „es bleibt unter uns, yeah?“ – weizenbierumwölkt durch Dünklingen wankte, wohinter Henscheids Ewiges Städtchen Amberg aufragt, dem blieb mehr im Sinn als Komik und Charaktere.

Wie außer ihm – wenn auch ganz anders und viel früher – nur Arno Schmidt hat Eckhard Henscheid den hohen Ton gebrochen, die klamme Haltungsvergewisserung, in der die bundesrepublikanische Literatur lange daherkam.Nach seinen Sätzen und Suaden, in denen er (anders als Schmidt) sich auch gern mal auf Augenhöhe direkt an die Leser wandte, war einem Heinrich Böll zu betroffen, Günter Grass zu großschriftstellerisch, Siegfried Lenz zu lau, und „Ruine Linser“, wie er die Autorin grob abtat, wollte man gar nicht erst lesen. Musste man aber doch, denn zu ihrem 75. Geburtstag versammelte Henscheid im Satire-Magazin „Titanic“ Rinsers schaurigste Zitate. Auch manches, was er selbst in den letzten Jahren publizierte, ließe sich gegen ihn wenden, etwa seine Beiträge für die rechtsnationale „Junge Freiheit“.

Für die kann aber jener Autor nichts, der zwischen den schwankenden Gestalten seiner Romantrilogie mit einer zwischen Romantik und Rotzigkeit fein blühenden Prosa Nuancen festhielt, die andere gar nicht erst wahrnahmen. Der als „Musikplaudertasche“ ein bis heute herausforderndes Genie der Rezeption (und Rezeptionskritik) ist und mit „Maria Schnee“ 1988 eine Novelle schuf, die in ihrer Demut und Dichte an Flauberts „Un coeur simple“ erinnert. Wer ihn nur als Satiriker lobt, hat ihn nicht mal zur Hälfte verstanden. Denn während die „Zweite Frankfurter Schule“, zu der man ihn gern rechnet, in allzu kuscheliger Ironie dahinging, ist Eckhard Henscheid doch ein recht kantiger Typ. Ein Stein, über den noch viele stolpern werden, auch wenn er jetzt etwas Moos ansetzt. Volker Hagedorn

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