Kultur : Es darf gedacht werden

Wie Michael Haefliger das traditionsreiche Lucerne Festival ins 21. Jahrhundert führt

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Das Dach ist eine Wucht. Hoch oben über dem Vierwaldstättersee hat der Architekt Jean Nouvel einen der schönsten Aussichtsplätze Europas geschaffen. Wer aus dem schwarz schimmernden, von silbrigen Metalljalousien strukturierten Treppenhaus auf die Terrasse tritt, betrachtet die atemberaubende Luzerner Gipfelkulisse wie durch einen Sehschlitz. Am unteren Blickrand vom Geländer begrenzt, am oberen vom weit auskragenden Dach, erscheint das Seepanorama im CinemascopeFormat: Bei Tag strahlend und zum Greifen plastisch, nachts geheimnisvoll leuchtend.

Wie ein gigantischer Flügel scheint das Dach über dem Kultur- und Kongresszentrum Luzerns zu schweben. Unter seinem Schutz fügen sich seit 1999 ein Museum, drei Konzertsäle, diverse Konferenzräume und Restaurants zum ganzheitlichen Erlebnisensemble. Aus der Ferne wirkt Nouvels schwarzer Monolith wie ein Fels im weiten Rund der bewaldeten Hänge; steht man direkt vor dem Eingang, locken große Glasfronten und offene Emporen ins Innere.

Als „Dach“ will der Intendant des Lucerne Festivals, Michael Haefliger, auch das Motto der Musikfestspiele 2004 verstanden wissen: Freiheit. Weil ihn Themen interessieren, „die in der Gesellschaft täglich gelebt werden“, hat der Geiger und Kulturmanager sich die Jahreslosungen für das feinste Musikfestival der Schweiz ausgedacht. Wie ein „Scheinwerfer, den wir auf unser Programm richten“ soll das jeweilige Reiz- und Richtwort fungieren. Und das ist auch hilfreich bei einem derart vielfältigen Programm, wie es in den fünf Wochen zwischen dem 13. August und 18. September zu erleben ist.

Ein Hightlight ist natürlich das von Claudio Abbado gegründete Lucerne Festival Orchestra (siehe Tsp vom 15.8.). Doch den Grundstock dieses einmaligen Ensembles bildet das Mahler Chamber Orchestra. Das MCO tritt in Luzern unter seinem Chefdirigenten Daniel Harding auch mit eigenen Programmen auf. Gleich das erste kam dem neuen Geist von Luzern besonders nahe: Denn unter diesem Dach darf nachgedacht werden. Zum Beispiel über die Wiener Jahrhundertwende. Anhand von Schönbergs Kammersymphonie (1906) und Mahlers „Lied von der Erde“ (1907-09) machten der englische Dirigent und seine hervorragenden Musiker die Zerrissenheit der k.u.k-Gesellschaft in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg deutlich. Mit keiner Faser hängt Schönberg mehr am spätromantischen Rhetorikkanon, ein unbedingter Ausdruckswille bricht sich Bahn, der zum Zerbersten des tonalen Systems führen muss. Atemlos jagt Harding durch die Partitur: ein Lauf gegen die zu Ende gehende Zeit.

Bei Mahler dagegen scheinen alle Uhren angehalten. Hier gibt es noch die schwelgerische Kantilene, hier bricht am Ende die Abendsonne durch, taucht die finalen „Ewig, ewig, ewig“-Rufe der Altistin Anna Larson in goldenes Licht. Und doch unterdrückt Harding die Schärfe der Trompete im „Trinklied“ nicht, lässt in „Der Einsame im Herbst“ die Oboe todestraurig klagen, zeigt die Risse in der Jugendstilfassade. Etwas Liebgewordenes loszulassen, davon berichtet die Musik an diesem Abend in Luzern, kann sehr schmerzhaft sein.

Seit Arturo Toscanini das Festival 1938 ins Leben rief, machten die Spitzenorchester auf ihren Sommertourneen gerne in Luzern Zwischenstation. In diesem Jahr werden die Wiener und St. Petersburger Philharmoniker hier zu hören sein, ebenso das Cleveland und das Councertgebouw Orchestra; aus München reisen das Orchester des Bayerischen Rundfunks und die Philharmoniker an, aus Dresden die Staatskapelle, aus Hamburg das NDR-Orchester, die Mailänder Scala wird ebenso erwartet wie Anne-Sophie Mutter mit Ehemann André Previn und dem Oslo Philharmonic Orchestra.

Und auch die Berliner Stars haben zugesagt. Daniel Barenboim führt mit seiner Staatskapelle passend zum Freiheits-Motto unter anderem Beethovens „Fidelio“ auf. Simon Rattle wagt sich Anfang September mit seinen Philharmonikern an Debussys „La mer“ – eine extrem mutige Wahl, konnten doch sein Vorgänger in Berlin, Claudio Abbado, und das Luzerner Festivalorchester genau mit diesem Werk im August 2003 hier einen triumphalen Einstand feiern.

Mit den Stars verdient Michael Haefliger sein Geld. Lediglich drei Prozent seines 22-Millionen-Franken-Etats nämlich kommen vom Staat, 37 Prozent steuern Sponsoren bei. Den Rest muss er an der Kasse verdienen. Am Herzen allerdings liegt dem 43-Jährigen weniger gut Verkäufliches: Zeitgenössisches, Kammermusik und Repertoire-Raritäten. Darum leistet sich Haefliger einen composer in residence – diesmal den Briten Harrison Birtwistle – und die Lucerne Festival Academy, ein Meisterkurs-Programm für Nachwuchsprofis, das er mit Hilfe des Dirigenten Pierre Boulez konsequent auf Musik des 20. und 21. Jahrhunderts ausgerichtet hat. Die Dozenten der 120 Stipendiaten kommen vom Pariser Ensemble Intercontemporain, Boulez erarbeitet zudem mit drei jungen Dirigenten Partituren der Moderne, Maurizio Pollini unterrichtet sechs Pianisten in der Kunst zeitgenössischer Interpretation. So viel Freiheit muss sein.

Bis 19.September, Infos unter: www.lucernefestival.ch, Tel: 004141 226 4400

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