Kultur : Es darf wieder konstruiert werden

Keine Friedhofsruhe: Die Welt des Denkens beerdigt Jacques Derrida – und streitet weiter

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In vielen Kulturkreisen ist der Trauergemeinde über die Bestattung hinaus eine ritualisierte Trauerzeit zugemessen. Im Falle des französischen Philosophen Jacques Derrida, der am vergangenen Freitag starb, wurde ein Trauermodus im Großen und Ganzen bislang eingehalten. Von jenseits des Atlantik wurde zwar reichlich Häme über den „abstrusen Theoretiker“ und seine „slippery philosophy“, seine „glitschige Philosophie“, ausgeschüttet. Aber jener Nachruf der ehrwürdigen „New York Times“ ist kaum der Gemeinde der ernsthaft Trauernden zuzurechen. Hier mischte sich das Ressentiment der angelsächsischen Analytischen Philosophie gegenüber der „Dekonstruktion“ mit der tiefsitzenden AltEuropa-Skepsis nicht nur Rumsfeld’scher Prägung zu einem theoretisch und trauertechnisch ungenießbaren Cocktail.

Diesseits des Atlantiks waren jedoch die Feuilletons voll wohlbedachter Abschiedsreden, die auf rhetorischer und philosophischer Ebene das Niveau der alteuropäischen Getränkekultur (Wein, Bier, Cognac) gegenüber dem Gebräu aus der Neuen Welt zu verteidigen wussten. Was kann man heraushören aus dem Klang der Schwenker, Humpen und Kelche, die auf den großen Dunklen der europäischen Philosophie zum Abschied anstoßen?

Jürgen Habermas, der Nestor der bundesrepublikanischen Philosophie, fiel allerdings in Ton und Inhalt ein wenig aus dem Rahmen der pietätvoll gedämpften Abschiedsreden. Hier bezichtigte ein Sippenmitglied ein anderes, das er nicht namentlich nennen wollte, des Verrats und der Gotteslästerung. Der letzte Satz der Trauerrede schwang sich so hoch hinauf, als müssten am Grab des Verschiedenen Verbündete, Verschworene sich zusammenfinden, um einem mächtigen Feind zu widerstehen: „Derridas Werk kann in Deutschland auch deshalb klärende Wirkung entfalten, weil es sich den späten Heidegger aneignet, ohne an den mosaischen Anfängen neuheidnisch Verrat zu üben.“

Wer könnte hier wohl gemeint sein? Höchstwahrscheinlich der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk – ehemaliger Protegé von Habermas – der sich 1999 in Form einer Lektüre des späten Heidegger zur Gentechnik äuß erte und einen Skandal auslöste. Habermas-Schüler verstanden seine „Menschenpark“-Rede als Reetablierung von Nietzsches „Übermenschen“ und ziehen Sloterdijk, der ebenso heftig widersprach, einer gefährlich- unkritischen Neo-Ontologie, diagnostizierten ein inhumanes „Zarathustra-Projekt“ und antimodernes „Neu-Heidentum“.

Diese philosophische Front, die Habermas in seinem Derrida-Nachruf befestigt, wird dem interessierten Laien zunächst befremdlich erscheinen, ist aber spätestens jetzt in vieler Munde und somit erklärungsbedürftig. Das Epochendatum des Todes von Jacques Derrida scheint hier als eine Art Debatten-Katalysator zu wirken.

Habermas, der Denker der diskursiven Vernunft, hat sich erst in den letzten Jahren über tiefe philosophische Gräben mit Derrida versöhnt. Das „Projekt der Moderne“ war für ihn zunächst mit der „Dekonstruktion“ Derridas unvereinbar, da sie die normative Kraft des vernünftigen Diskurses zu unterlaufen drohte. Noch 1998 beharrte Derrida auf den „schwerwiegenden philosophischen Differenzen“ bei denen es sich nicht um „bloße Missverständnisse“ handle. Im politischen Engagement jedoch fand man zusammen. Für Habermas schien die „Anschlussfähigkeit“ an Derrida zumindest darin gesichert, dass dieser den Begriff der Gerechtigkeit von der Dekonstruktion, also von der „subversiven“ Enthüllung einer prinzipiell unheilvollen, „totalitären“ Sinnstruktur, ausnahm. Habermas und Derrida engagierten sich in der Golfkrise für ein selbstbewusstes Europa.

Neben der politischen Theorie war aber auch der alt-akademische Habitus von Derrida für Habermas akzeptabel. Erstens rettete der Franzose die großen philosophischen Fragen nach Wahrheit, Gott und Bewusstsein ex negativo für die universitäre Disziplin. Gefahr war im Verzug, denn die angelsächsische Analytische Philosophie hatte diese Fragen zunächst schlicht für „sinnlos“ erklärt. Und zweitens motivierte Derrida zum akribischen Textstudium: Obwohl es nach Derrida kein kommunikatives Verstehen im herkömmlichen Sinne geben durfte, die Texte also eigentlich nichts mehr „sagten“, legte der Philosoph unzählige, weitgedehnte, überaus anregende Mikrostudien von klassischen und weniger klassischen Texten vor. Derrida war für Habermas eine Art Prüfstand in Sachen Totalitarismus und insofern in sein Projekt der theoretischen Faschismus-Verhinderung integrierbar.

In ihrem Nachruf in der „Süddeutschen Zeitung“ fasst die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann beide Punkte zusammen. Das klassisch-europäische Denken liegt nach Derrida „vor uns wie der gesprengte und vielseitig angefressene Babylonische Turm auf Breughels Bild“ (also seiner totalitären Macht beraubt). Aber Derridas Dekonstruktion nimmt uns dennoch „mitten hinein ins Zentrum dieses Denkens, in die Verästelungen der großen Texte, die pardoxerweise unter seinem quer eindringenden Blick noch einmal ihre ganze Kraft offenbaren“.

Was Aleida Assmann pietätvoll nur zwischen den Zeilen andeutet, spricht Henning Ritter in der „FAZ“ unverblümt aus: Die Dekonstruktion scheitere bei der Schulbildung: „So ist die über die ganze Welt verstreute Gemeinde auch eher eine Konzeptkunstrichtung als eine akademische Schule.“

Habermas beschreibt die Dekonstruktion folgerichtig als „Exerzitium“ und führt damit eine religiöse Metaphorik ein. Denn er sieht Derrida als krypto-religiösen Denker: „Zuletzt war die religiöse Botschaft kaum noch chiffriert.“ Der Habermasschüler Axel Honneth stellt in seinem „FR“-Nachruf eine Typologie eigener Art vor: Was der Messianismus Walter Benjamins für die Frankfurter Schule der älteren Generation (Adorno) gewesen sei, ist die Gerechtigkeitsmetaphysik Derridas für die jüngere (Habermas).

Warum diese theologische Aufladung? Habermas ist in letzter Zeit um die Anschlussfähigkeit seiner Philosophie an die religiöse Überlieferung bemüht, debattierte mit dem Chef der katholischen Glaubenskongregation Ratzinger. Auch auf diesem Hintergrund ist Habermas’ Polemik gegen den „Neu-Heiden“ Sloterdijk zu verstehen.

Manche mögen Habermas jüngste „Anschlüsse“ für bedenklich halten: ein Philosoph des Nicht-Verstehens und ein dogmatischer Kardinal. Man kann dies auch als ausgleichende, altersweise Spielart des politischen Engagements sehen. Der Furor gegen den „Verräter“ am Montotheismus greift aber ins Leere. Denn die kulturwissenschaftlich orientierte Philosophie Sloterdijks – und überhaupt die akademische Disziplin der Kulturwissenschaften – macht nichts anderes, als Habermas zuvor predigte: Sie nimmt die Texte der Tradition in einem kommunikativen Sinn ernst und tritt in einen Diskurs der Argumente ein, lässt eine Anti-Hermeneutik, wie die Derridas, nur als Korrektiv gelten, ganz im Sinne des Frankfurter Meisters. Dass sie allerdings nicht bereit ist, die „Epochenbrüche“ (Hans Blumenberg) zu verkitten und Dogmen auf den Leim zu gehen – das lässt sich nicht unter den zweifelhaften Hut des anti-modernen, katholischen Kampfbegriffs vom „Neu-Heidentum“ bringen. Genauso wie die kulturwissenschaftlichen Thesen des Ägyptologen Jan Assmann zum „Preis des Monotheismus“ mit neuheidnischem Antisemitismus nichts zu tun haben, wie unlä ngst in der „SZ“ behauptet wurde.

Nach Derridas Tod bleibt eine Grundfrage der philosophischen Debatte nach wie vor das Problem des Textverstehens. Jetzt in ein enthusiastisches „Es darf wieder konstruiert werden!“ einzustimmen ist gewiss abwegig. Aber festzustellen bleibt, dass manche Fronten zusammenbrechen, wenn man bemerkt, dass ihre Mobilmachungsbefehle „dekonstruierbar“ sind.

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