Kultur : Es geht alles den Bach runter

Jörg Königsdorf

Das Konzert, das der Cellist Jean-Guihen Queyras am 12. März dieses Jahres in der Pariser Cité de la Musique gab, hat Chancen, als längster Celloabend aller Zeiten in die Musikgeschichte einzugehen. Geschlagene viereinhalb Stunden dauerte dieser Konzertmarathon, in dem der 39-Jährige die sechs Solosuiten Johann Sebastian Bachs mit sechs eigens in Auftrag gegebenen „Pre-Echos“ zeitgenössischer Komponisten kombinierte. Der Brite Jonathan Harvey, der Franzose Gilbert Amy und der Japaner Ichiro Nodaira gehörten zu den Auserwählten, allein Altmeister György Kurtág wurde bis heute mit seinem Beitrag nicht fertig und war stattdessen mit drei älteren knappen Solostücken vertreten. Eine Tour de force, die Queyras nach dem Urteil des Kritikers von „Le Monde“ bis zur letzten Note topfit absolvierte.

Tatsächlich ist dieses Programm, das Queyras jetzt (auf zwei Abende verteilt) am Freitag und Samstag im Konzerthaus wiederholt, in seiner Zusammenführung von Barock und Neuer Musik so etwas wie die Zwischensumme in der künstlerischen Karriere des Cellisten, der sich in den letzten fünf Jahren als einer der großen Hoffnungsträger seines Faches etabliert hat: Aufgewachsen in einer Familie, die von Barockmusik à la Harnoncourt begeistert war, geprägt durch seine elfjährige Tätigkeit als Cellist in Pierre Boulez’ Ensemble Intercontemporain, ist der Franzose Prototyp einer Musikergeneration, die mit historischer wie konventioneller Aufführungspraxis pragmatisch umgeht. Seine aktuelle Einspielung von Schuberts Arpeggione-Sonate ist ein gutes Beispiel: Zwar lässt er sich von einem modernen Steinway begleiten, dennoch veranstalten Queyras und sein Pianist Alexandre Tharaud kein profilierungssüchtiges Kräftemessen, sondern pflegen einen intimen, gesanglichen Dialog, der sich am Klangbild der historischen Instrumente orientiert, in seiner Schlichtheit aber auch ganz modern wirkt.

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