Kultur : Es geht auch anders

VOLKER STRAEBEL

Nach dem ästhetischen roll back seines "Bonhoeffer Oratoriums", dessen kirchentagsseelige Bekenntnismusik das DSO gerade zelebrierte, vermochte Tom Johnson bei der Insel Musik im SFB mit dem "Chord Catalogue" (1986) wieder zu versöhnen.Die knapp einstündige Klavierstudie versammelt alle 8178 im Raum der dreizehn Töne einer Oktave möglichen Zwei- bis Zwölfklänge, deren logische Abfolge zu chromatisch aufsteigenden Tonleitern führt.Diese durchschreiten die einzelnen Stimmen, sind aber bei den späteren dichten Mehrklängen kaum mehr hörend nachzuvollziehen.So entsteht die ästhetische Erfahrung aus der Spannung zwischen dem Wissen um die musikalische Struktur und der von dieser abweichenden Wahrnehmung.Dabei mag man bedauern, daß Johnson kein begnadeter Pianist ist und seiner Darbietung mit kurzen Kommentaren Werkstattcharakter verlieh.Doch wem es wie ihm weniger um die musikalische Kunst als vielmehr um die Wahrheit der Mathematik geht, die es schon vor den Menschen gegeben habe, dem scheint die klangliche Delikatesse einer gelungenen Aufführung entbehrlich zu sein.

Im Ensemblekonzert dieser 25.Inselmusik, die Erhard Grosskopf verdienstvoll leitet, gab sich das Kammerensemble Neue Musik unter Stephan Winkler weniger transzendent.Besonders die Umsetzung der spannungsvoll wechselnden Dichtegrade und der aus dem geräuschhaften Kontinuum sich dissoziierenden rhythmischen Schichten in "Continuo(ns)" von Philippe Leroux gelang mit Klangsinn und glücklichem Gespür für Balance.Grosskopfs an vierteltönigen Liegetönen reichen "Lenzmusik 4" hätte man mehr rhythmische Präzision, Salvatore Sciarrinos gedecktem Klangstück "Lo spazio inverso" bei aller Konzentration mehr Energie in den virtuosen Ausbrüchen gewünscht.Adam Weisman glänzte wiederum mit drei wunderbar ausgehörten Versionen von Claus-Steffen Mahnkopfs Schlagzeug-Miniatur "Trema".Die Uraufführung des Abends, Friedrich Goldmanns "wechselnde Zentren", erfüllte ihren sprechenden Titel vollkommen.Flöte, Klarinette, Schlagzeug und Kontrabaß bilden in wechselnden Kombinationen tatsächlich ein "concerto a quattro", das stilistisch bunt zwischen jazzigen Neoklassizismus-Ostinati, duftigem Impressionismus und homophonem Choral changiert, ohne in tonale Zitate abzugleiten.Dazwischen liegen athematische, wohl proportionierte Soli, von denen besonders das für Flöte in der souveränen Umsetzung von Rudolf Döbler in Erinnerung bleibt.Eine halbstündige Spielmusik des HdK-Professors, deren Stachel in der nur vordergründig glatten Oberfläche liegt.

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