Kultur : Es geht auch ohne Wasser

Mozarts „Entführung“ im Stadtbad Steglitz.

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Was ist das Stadtbad Steglitz doch für ein dramatisch-tragischer Ort. Hummer, Krabben und Fische im schmiedeeisernen Geländer und Seifenablagen in formschön gerundeten Kacheln künden noch von dem Wasser, das einst die Bestimmung dieses Baus war. Seit 2002 liegt das Becken trocken, ob und wann es wieder als Bad genutzt wird, steht in den Sternen. Gäbe es nicht Zwischennutzer wie den Regisseur Stefan Neugebauer und sein Clubtheater, würde das Haus völlig in Vergessenheit geraten. Neugebauer nutzt die quasi natürliche Dramatik dieser Kulisse. Büchner, Beckett und Schnitzler hat er hier aufgeführt, 2011 auch Schuberts „Winterreise“, und jetzt mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ erstmals auch eine Oper (bis 11.8.).

Zwei Geigen, Bratsche, Cello, Querflöte, Oboe und Schlagzeug müssen ausreichen, der Leiter des Kammerorchesters, Helmut Weese, unterstützt einzelne Akkorde dezent am Klavier. Natürlich ist ein Schwimmbad kein Konzerthaus, aber der Klang wird trotz der halligen Akustik nicht breiig, die Stimmen bleiben klar geschieden: ein schlanker, transparenter Mozart. Das Publikum sitzt im Becken, also mittendrin, und schaut der Handlung auf den umlaufenden Gängen und Rängen zu. Neugebauer inszeniert die „Entführung“ nicht, was sich ja anbietet, als Kampf zwischen Westen und Islam, sondern als Kammerspiel, als Psychothriller in einem imaginären Wellnessbad, in den Umkleidekabinen kerkert Osmin seine Gefangenen ein. Hansjörg Schnaß als Osmin löst dieses Konzept am besten ein. Er ist eine Rampensau und singt den Oberaufseher des Bassa – sowieso eine dankbare Rolle für Charakterdarsteller – gefährlich grimassierend, mit raunendem, schnorrenden Bass und mit lauernden, blitzenden Augen im verhungerten Gesicht. Probleme hat er mit seinen Einsätzen, aber man verzeiht es ihm gern, ist er doch darstellerisch der Mittelpunkt der Inszenierung.

Dagegen kommen die anderen nur schwer an. Norina Kutz singt die Konstanze zwar souverän, mit anrührenden Farbnuancen, bleibt aber darstellerisch unscheinbar. Laurent Martin hat als Pedrillo viel mit seinem Akzent zu kämpfen, Alexander Yagudin als Belmonte muss in einem albernen weißen Strahlenschutzanzug auftreten und spielt, als hätte er Valium genommen, singt allerdings mit schönem rubinrotem Tenor. Eine Augenweide ist Sarah Behrendt als Blonde: quicklebendig, mit üppig blühendem Sopran und einer Hand, die so locker sitzt, dass Osmin jederzeit die nächste Ohrfeige fürchten muss. Friedhelm Ptok ist als Bassa Selim ein von den Jahren verhärmt gewordener Mann, über dessen Miene keine Emotion huscht – warum eigentlich? In dem von Neugebauer neugefassten Libretto findet der Bassa am Ende in Belmonte seinen eigenen Sohn wieder, was ja eigentlich schon Grund zum Lächeln wäre. Ptok aber bleibt so trocken wie das Schwimmbecken. Udo Badelt

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