Kultur : Es geht doch allererst um das Gefühl

Erst war er Pfarrer, dann Pantomime. Jetzt inszeniert Burkhart Seidemann jiddische Tradition in Berlin. Bei den Jüdischen Kulturtagen zeigt er am Hackeschen Hof-Theater Szenen, die Preußens Zensoren einst verboten

Simone Kaempf

„Wir sind keine Einrichtung zur Wiedergutmachung.“ Diese Feststellung ist Burkhart Seidemann wichtig. Er sagt den Satz, ohne dass man ihn danach gefragt hat. Als scheine er selbst nicht mehr daran zu glauben, dass der Unterschied wirklich verstanden wird. Gewiss, er inszeniert die jiddischen Stücke und Musikabende am „Historischen Ort“ in einem alten Berliner Viertel, das die Stadtführer von heute als ehemals „jüdisch“ vorstellen. Sicher fließen in seine Theatertexte immer noch jiddische Wörter ein, die Sprache der Vergangenheit, des Ghettos und der dunklen Seite des Lebens in der Diaspora. Dennoch will Seidemann nicht an der Vergangenheit rütteln. Im Zentrum seiner Arbeit steht für ihn die jiddische Theaterkultur, die Bühnentradition der so genannten Ostjuden.

Vor zehn Jahren gründete Burkhart Seidemann mit Schauspielkollegen das Hackesche Hof-Theater. Das künstlerische Ziel war klar: die Arbeit des Pantomime-Ensembles am Deutschen Theater fortzuführen, das er bis zur Auflösung nach der Wende geleitet hatte. Da habe ihm der Zufall, sagt Seidemann heute, dazwischengefunkt. Ein schöner Zufall, der sich zum Schicksal entwickelte. Kurz nach der Eröffnung des Hauses gab ein Klezmer-Ensemble ein Konzert mit jiddischen Liedern, da erwischte es ihn: Die Faszination der starken, gefühlsgeladenen jiddischen Kultur, und vielleicht hat dieser Drang zur Revitalisierung das neue Theater gerade im richtigen Moment gepackt. Ein Konzert folgte dem nächsten, 38 Musikgruppen bespielten schließlich im Wechsel die Bretter im zweiten Hinterhof am Hackeschen Markt, und 1995 inszenierte Seidemann mit Itzik Mangers „Chumesch Lidern“ das erste Jiddische Liedtheater. Eine andere, inzwischen ferne Welt lebte auf in dem kleinen Theater: die Epoche vor 100 Jahren, als im Scheunenviertel 30000 Juden lebten.

Wer von euren Künstlern ist Jude?

Seidemann mag damals noch ein herkömmlicher Theatermann gewesen sein, aber für die Besucher, die seitdem in sein Theater strömen, ist er längst der Fachmann des Hauses, der nach der Vorstellung beantworten muss, wer von den Künstlern denn ein echter Jude sei. Wenn er von diesen Gesprächen erzählt, dringt ein leicht abschätziger Ton in Seidemanns geübte, melodiöse Schauspielerstimme. Er muss im Theater schon einiges ausgestanden haben. Die Jüdische Gemeinde schenkte ihm kaum Beachtung, und angesichts der öffentlichen Debatte um innerjüdische Identitätsdefinitionen entzündete sich Verwirrung daran, dass dieser scheinbar professional jew einst evangelische Theologie studiert hat: Ein ehemaliger Pastor aus der DDR stellt mit ukrainischen Musikern oder einer holländischen Sängerin ein etwas antiquiert aussehendes Volkstheater auf die Bretter.

58 Jahre ist er und wirkt in seinem braunen Sakko mit dem Schal um den Hals wie die Verkörperung der Weltläufigkeit, wenn er in der spärlich möblierten Garderobe des Theaters auf einem Klappstuhl hockt. Und von all diesen Leidenschaften und Missverständnissen spricht er mit einer Mischung aus Ungeduld und Aufgeregtheit. „Ob hier Juden oder Nicht-Juden spielen, ist doch völlig gleichgültig.“ Seine Kurzangebundenheit verrät, dass er darüber nun wirklich nicht mehr diskutieren will. Charmant-gewalttätige Redeattacken startet er, wenn er anfängt, von der Entwicklung der jiddischen Kultur zu sprechen: als die Juden Mitte des 14. Jahrhunderts das Gebiet zwischen Wilna und Odessa besiedelten, Orte des freien Handels und der Freiheit, wo sich später die Volksreligion des Chassidismus entwickelte, der die Entwicklung der jiddischen Musik und Dichtung beeinflusste. Von dort aus zog das jiddische Theater in die Hinterhöfe des Scheunenviertels ein, als seit 1882, nach der Ermordung des Zaren Alexander II., viele Juden nach Berlin flüchteten.

Das genaue Wissen, Hebräischkenntnis und die pantomimische Grundausbildung sind Seidemann aus dem Theologiestudium in Weimar geblieben. Was in der Zeit zwischen Weimar und Berlin passiert ist – Ärger mit der Stasi – klingt kurz nur an. Mit einer Pantomimegruppe kam er ans Deutsche Theater, unterrichtete an der Ernst-BuschSchauspielschule. Ein Theaterpraktiker ist er, der gegen den ästhetischen und theoretischen Erneuerungswillen der Bühne tiefes Misstrauen hegt. „Es geht auf der Bühne doch zuallererst um das Gefühl“, sagt er. Dass dort keine echten Gefühle mehr gezeigt würden, findet er schade. Und lotet deswegen lieber die Gefühls- und Figurenwelt jiddischer Stücke von Manger aus. Der Theatermann bewundert es, wie sich unter Bedingungen des Industriekapitalismus in der jiddischen Kultur die Gewaltfreiheit erhalten hat und wie im Dulden die Welt verändert werden soll. Dass es darüber innerjüdische Diskussionen gebe, darauf mag er sich nicht einlassen. Solche Themen erstickt er mit einer eleganten Handbewegung.

In seinem bestimmten Auftreten liegt viel Zurückhaltung, die nichts Persöhnliches preisgeben will. Das hat er wohl üben müssen. Mittlerweile ist er an seinem kleinen Haus der erprobte Krisenmanager, der regelmäßig das Chaos lichten darf. Das Argumentatieren scheint er in den vielen Gesprächen im kleinen Theaterfoyer gelernt zu haben.

Eine Komödie über Identität

Das Knäuel von Vorbehalten, Hintergedanken und Zweifeln hatten die Hof-Theaterleute vor zwei Jahren erstmals auf der Bühne zu entwirren versucht, mit „Verstehen Sie mich, Herr Goldfarb" von Peter-Adrian Cohen: eine Komödie um Identität und das Recht der Nichtjuden, jüdische Kultur zu produzieren. Nun wird am kommenden Mittwoch das bisher ehrgeizigste zeitgenössische Stück uraufgeführt, im Rahmen der Jüdischen Kulturtage. Vor Jahren hat der Germanist Peter Sprengel in Berliner Archiven 70 jiddische Stücke entdeckt, die zwischen 1880 und 1918 von preußischen Zensoren katalogisiert und abgeheftet worden waren. In Seidemanns Stück „Die Wiederkehr der Schauspieltruppe des Jizchak Löwy nach Berlin" tauchen Szenen daraus auf.

Drei Schauspieler besuchen als Wiedergänger Berlin anno 2002, müssen sich mit Behörden herumschlagen und mit einer Prinzipalin ein Stück einstudieren. „Dieses Stück spiegelt auch die Situation unseres Hauses“, sagt Seidemann, „hier ist alles enthalten, wie in einer Majolika-Figur.“ Und das funktioniert – in einer Mischung aus Volkstheater, Musikbühne, Varieté. Seidemann versteht seine Arbeit als Gegenpart zur immer abstrakteren Kunstwirklichkeit. Daran hält er fest. Zumal die Zeiten vorbei sind, in denen der Anschluss an das alte Berlin mit dem einfachen Mittel der Nostalgie bewerkstelligt werden kann. Auf seine Weise will das Hof-Theater in der Gegenwart ankommen.

Die Wiederkehr der Schauspielertruppe des Jizchak Löwy nach Berlin: am 13./14.November, 20 Uhr, im Hackeschen Hof-Theater

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