Kultur : Es geht nicht nur um Geld

Bob Geldof über die Kritik an „Live Aid“ und seine Hilfe für die britischen Konservativen

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Sie bekommen Preise und Lob für Ihr Afrika-Engagement. Doch zuletzt gab es harsche Kritik. Der amerikanische Schriftsteller Paul Theroux ...

Fuck Paul Theroux. Nächste Frage.

Ich würde schon gern mit Ihnen über Therouxs Kritik reden, die er immerhin in der „New York Times“ veröffentlichen durfte. Er ist der Meinung, dass finanzielle Hilfe für Afrika nichts Gutes bewirkt, weil sie die Eigeninitiative der Afrikaner hemmt, sie abhängig macht und damit Entwicklung behindert.

Paul Theroux kennt doch Afrika überhaupt nicht.

Er ist dort viel gereist.

Paul Theroux macht sein Geld damit, zehn Tage mit dem Zug durch ein Land zu fahren und darüber zu schreiben. Ich bin seit zwanzig Jahren in Afrika unterwegs und verdiene damit keinen Penny. Lassen Sie uns nicht über Paul Theroux reden. Er ist ein Schriftsteller. Er macht zwei Wochen Urlaub irgendwo und schreibt größtenteils fiktionalisierte Berichte darüber.

Dann lassen Sie uns einfach über Therouxs Argumente sprechen.

Okay. Es äußern ja auch ernst zu nehmende Leute ähnliche Kritik. Wir aber wissen, dass finanzielle Hilfe funktioniert, unter anderem weil Amerika mit dem Marshall-Plan vor sechzig Jahren etwas Ähnliches mit Europa gemacht hat, einem ruinierten, bankrotten, hungernden Kontinent. Hat sich Europa etwa nicht entwickelt? Ist es etwa abhängig geworden von der Hilfe?

In Europa waren die Voraussetzungen anders. Es gab trotz aller Barbarei der Nazis die Grundlagen einer Zivilgesellschaft, den Mittelstand, das Bürgertum, Wissenschaft, eine auch nach dem Krieg halbwegs funktionierende Bürokratie.

Das ist ein entscheidender Punkt. Deswegen müssen wir jeden Ansatz einer Zivilgesellschaft in Afrika stützen. Bei unserem Engagement geht es ja nicht nur um finanzielle Hilfe und Schuldenerlass. Der Abbau von Handelsbeschränkungen, die Bekämpfung von Korruption und die gezielte Unterstützung vernünftiger Regierungen sind mindestens ebenso wichtig.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass nie Rechenschaft darüber abgelegt werde, was mit dem Geld passiert. Wie stellen Sie sicher, dass der auch auf Ihre Initiative hin erfolgte Schuldenerlass wirklich dazu führt, dass vom eingesparten Geld Schulen und Krankenhäuser gebaut werden?

Wir haben eine Monitoring Group gegründet, die Afrika beobachtet, aber auch den Westen. Zur Korruption gehören immer zwei Seiten. Ich würde Peter Eigen von Transparency International gern gewinnen, bei uns mitzumachen. Ein exzellenter Mann, man respektiert ihn weltweit. Wenn Peter Eigen sagt, etwas ist korrupt, dann ist es korrupt. Ich würde auch Bill Clinton gern dabeihaben. Tony Blair hat sich schon selbst gemeldet. Das ist okay, aber es wird ein unabhängiges Gremium sein.

Andere Kritiker werfen Ihnen politische Beliebigkeit vor. In England gab es Häme, als herauskam, dass Sie den neuen Chef der Konservativen, David Cameron, beraten.

Das hat manche erschreckt. Für mich ist das völlig normal.

Als früherer Punk und langjähriger Dritte- Welt-Lobbyist werden sie eher mit dem linken Lager in Verbindung gebracht ...

Sie vergessen, dass ich schon mit Margaret Thatcher Whiskey getrunken und mit Ronald Reagan zu Mittag gegessen habe. Ich bin doch ein alter Mann. Als ich angefangen habe, über das Thema Armut in der Welt zu reden, hatte niemand eine politische Strategie dafür. Doch Thatcher hat intellektuelle Größe und interessierte sich für das Thema. Privat noch stärker als in der Öffentlichkeit. Nach außen hat sie darum nicht viel Aufhebens gemacht. Sehen Sie, Chris Patten stand doch viel weiter links als Tony Blair. Trotzdem war er in Thatchers konservativer Regierung und befasste sich dort als erster britischer Minister wirklich ernsthaft mit dem Thema Entwicklungshilfe. Der Mann war bekennender Europäer und durfte trotzdem Thatchers Reden schreiben. Können wir uns nicht einfach darauf einigen, links oder rechts, dass es absurd ist, wenn in einer Welt des Überflusses Menschen wegen Armut sterben?

Trotzdem steht der Vorwurf im Raum, dass Sie sich von Cameron für sein Projekt instrumentalisieren lassen, die als kalt und unsozial verschrienen britischen Konservativen wieder wählbar zu machen.

Und wenn schon. Armut kommt bei den Themen, die britische Wähler interessieren, inzwischen auf Platz vier. Ich glaube, dass sich da in den vergangenen zwanzig Jahren, seit den ersten Live-Aid- Konzerten eine Menge geändert hat. Das Thema geht den Leuten nicht mehr aus dem Sinn. Die Tories haben keine Chance, gewählt zu werden, wenn sie sich nicht stärker darum kümmern. Es hat für Cameron keinen Sinn, dass sich seine Partei ein Bild von Großbritannien zurechtlegt, das nicht mehr stimmt. Er will das Bild der Tories total verändern. Das ist doch der Job eines Politikers.

Und Sie helfen Cameron dabei.

Wenn ich die Politik der Tories in Richtung der Themen Armut und Globalisierung bewegen kann, also einer Politik, die mir gefällt, dann ist das doch genau mein Job. Wenn die Konservativen die Regierung übernehmen, dann hoffe ich, dass sie diese Politik auch wirklich verfolgen. Es wäre doch dumm, wenn ich diese Chance nicht nutzen würde. Zu behaupten, Labour wäre rechtschaffener als die Konservativen, ist doch lächerlich. Was ist schon noch der Unterschied? Wie war das bei Ihnen gerade in Deutschland? Die Christdemokraten und die Sozialdemokraten haben ein bisschen um Jobs und Posten verhandelt und dann eine große Koalition gebildet. So weit liegen CDU und SPD von ihren Programmen her doch gar nicht auseinander. Realpolitik ist doch ein deutsches Wort.

Wie sind Cameron und Sie verblieben?

Ich habe ihm gesagt: Hör zu, du bekommst deine Schlagzeilen. Das läuft dann eine Woche. Aber ich sage dir: Wenn ich denke, dass irgendetwas Mist ist, was ihr macht, dann sage ich, dass es Mist ist. Und dann habt ihr einen ganzen Monat Schlagzeilen.

Was sagt denn Ihr Freund Tony Blair dazu, dass sie jetzt mit Cameron gemeinsame Sache machen?

Natürlich machen sie Witze im Parlament: Jetzt ist der Geldof auf dem Weg auf die andere Seite und so weiter. Aber ich rede ja auch weiter mit Blair. Ich möchte halt jetzt auch Cameron mit Argumenten versorgen, damit er die Regierung unter Druck setzen kann und sie noch mehr tut.

Wie geht Bob Geldof mit Politikern um?

Ich höre viel zu – und sage sehr direkt, wenn ich etwas für Bullshit halte.

Das Satireblatt „Private Eye“ stellt sich einen Cameron unter Geldofs Einfluss so vor: Er tritt vors Wahlvolk und ruft: „Gebt mir eure Scheiß-Stimmen!“

Das hat mir sehr gefallen. Die Ausgabe habe ich mir aufgehoben.

Wie hat man sich ein persönliches Gespräch zwischen Ihnen und Cameron vorzustellen?

Ich sage durchaus mal „Fuck off“. Und er weiß sich dann entsprechend zu wehren.

Interview: Markus Hesselmann

Bob Geldof , 54, organisierte im vergangenen Sommer gemeinsam mit anderen Rockstars wie U2-Sänger Bono die zweite Auflage der weltumspannenden Live-Aid-Konzerte . Geldof setzte sich bei den Regierungschefs der führenden Industrieländer für einen Schuldenerlass für Dritte-Welt-Länder ein.Zuletzt geriet Geldof, einst Sänger der Boomtown Rats,

in die Schlagzeilen, weil er sich entschloss, die britischen

Konservativen zu beraten. Am Montag kommt Geldof nach Berlin zur Gala „ Cinema for Peace “.

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