Kultur : Es geht um die Wurst

Bodo Mrozek

Zuallererst: Der Sieg war verdient. Dennoch ist das deutsche1:0 gegen Polen wieder einmal Anlass, das Verhältnis zum europäischen Nachbarn zu überdenken. Denn obwohl kein Land näher an Berlin liegt als Polen, erscheint die Oder als unüberwindlicher Grenzfluss. Die gefühlte Distanz zu Italien oder Brasilien ist immer noch kürzer als die nach Osten. Das liegt an der perfekten Integration der Polen. Der echte Berliner hat ohnehin traditionell polnische (oder schlesische) Wurzeln, im Einwanderergebiet an der Ruhr hat man sogar polnische Wörter wie Mottek (Hammer) eingedeutscht. Der Beitrag der Italiener zur deutschen Kultur war die Pizzeria, die Türken spendeten uns den Döner Kebab, die Polen aber haben sich so selbstverständlich integriert, dass wir sie gar nicht mehr bemerken.

Dabei haben sie sich im Berliner Clubleben profiliert wie kaum eine andere Nation. Der Club der polnischen Versager (Torstr. 66) trotzt schon seit Jahren mit Veranstaltungen wie der „Show des Scheiterns“ dem Mainstream der erfolgreichen Russendisko, dazu gesellt sich der Club der polnischen Wurstmenschen . Die Story zum Club bietet der gleichnamige Roman von Leszek Herman (Ullstein). Einer in polnischen Labors erfundenen Wurst gelingt darin der Durchbruch auf dem EU-Markt, Deutschland verhängt ein Embargo und die genmanipulierten, humanoiden Wurstmenschen landen schließlich im Nachtleben. Wer sich als guter Gewinner zeigen will, der kann heute im Wurstmenschen-Club (Choriner Str. 81) die Niederlage nachfeiern (Sa. 17.6. um 22.00 Daily Soap, Folge 182 „Wer nicht kommt, kriegt Hausverbot“) . Am Sonnabend dürfen wir dann wieder mit dem gefühlten Nachbarn Italien sein, in der Künstlichen Beatmung (Simon-Dach-Str. 20) legt der italienische DJ Frantz auf, der aus Rimini eingeflogen wird – zur musikalischen Nachbereitung des amerikanisch-italienischen Spieles.

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