Kultur : Es gibt ein Beben nach dem Tod

„Death Magnetic“: Die unverbesserliche Heavy-Metal-Band Metallica stellt in der Berliner O 2-Arena ihr neues Album vor

Daniel Wixforth

„Die Tapfer’n kosten einmal nur den Tod“ heißt es in Shakespeares Drama „Julius Caesar“. Falsch! Unter Metallica-Fans zeichnet sich Tapferkeit dadurch aus, den Tod so oft wie möglich zu kosten. Da „Death Magnetic“, das neue Album der vier Kalifornier, in der Nacht zu Freitag vorab an der O2-Arena zu kaufen war, sind die harten Anhänger schon einen Abend vor dem weltweit ersten CD-Release-Konzert da und harren aus.

Als endlich das Konzert-Intro erklingt, ist die funkelnagelneue Arena in tiefe Dunkelheit gehüllt. Das passt. Nicht nur, weil Heavy-Metal irgendwie immer schwarz ist, sondern auch, weil in den Fankreisen seit Wochen unzählige, von ebenso dunkler Ahnungslosigkeit umwobene Spekulationen kursieren: Werden Metallica ihre großen Hits spielen? Wie viel wird es vom frisch gepressten Album zu hören geben? Können die Mittvierziger überhaupt noch an die Qualität früherer Shows anknüpfen? Metallicas Antwort dauert ganze zwei Stunden, ist extrem laut und – bezogen auf die letzte Frage – unmissverständlich amerikanisch: „Yes, we can!“

In der mit 17 000 Zuschauern ausverkauften Halle gibt es kein Halten. Die ersten beiden Songs der neuen Platte werden in einem 14-minütigen Feuerwerk abgebrannt. Eine in Stein gemeißelte Begrüßung folgt: „We’re Metallica. This is what we do. Death Magnetic is here!“ Noch Zweifel? Die Bühne ist in der Mitte der Arena aufgestellt und komplett von den aus ganz Europa angereisten Fans umgeben, das Schlagzeug zu allen Seiten drehbar. Sofort entsteht ein zentripetaler Energiesog und ein beinahe familiäres Gefühl, wie man es von den gewöhnlichen Riesenshows der Hardrocker nicht kennt. Der Abend, für den nur Fanclub-Mitglieder Karten kaufen konnten und dessen Erlös an „Ein Herz für Kinder“ geht, entpuppt sich als Mix aus Klassikern und ausgewählten Nummern des Albums. In Hits wie „One“ oder „Master of Puppets“ beweisen Metallica, dass sie die unbändige Power und die technische Virtuosität früherer Zeiten noch besitzen. Es stört kaum, dass Frontmann James Hetfield in den wenigen balladesken Parts seine Gesangsdefizite nicht verstecken kann.

Metallica haben seit 1981 ganze Generationen von dröhnungsaffinen Musikhörern geprägt. Gab es in den letzten Jahren wegen der Alkoholsucht von Sänger Hetfield vor allem außermusikalische Schlagzeilen, so ist die Band nun bemüht, dieses Kapitel als abgeschlossen darzustellen. Hetfield sei mit der Musik vom Alkohol losgekommen, heißt es. „You rise, you fall. What don’t kill Ya make Ya more strong“ propagiert er auf der neuen Platte. Katharsis funktioniert also auch im Heavy-Metal.

Auf dem Cover des neuen Albums: die Zeichnung eines schwarzen Sargs, der alles in seiner Umgebung unumkehrbar anzieht. „Death Magnetic“. Subtil ist anders. Aber wer erwartet Subtiles auf einer Metallica-Platte? „Like a blind man that is strapped into the speeding driver’s seat“, heißt es zu Beginn des Eröffnungssongs. Fürs Anschnallen bleiben gerade 85 Sekunden Introgeplänkel. Dann geben Metallica mit gefühlten 200 Schlägen pro Minute Gas. Sofort wird deutlich, dass die Band zurück will zu dem, was sie bis zu Beginn der neunziger Jahre auszeichnete: Schnelle, in Terzen singende Gitarren und wild peitschende Drums dominieren die ersten drei Nummern. Dazu ein Songwriting, dem es egal ist, ob die Radiosender nur Dreieinhalb-Minuten-Titel spielen.

Bei „The day that never comes“ erklingen erstmals poplastige Harmonien, anfangs gar gemäßigtes Tempo. Metallica wissen, wie man Geld verdient. „Love is a four letter word, and never spoken here“, klagt Hetfield in typischer Heavy-Metal-Manier eine abgrundtief schlechte Welt an: „I suffer this no longer. This I swear: The sun will shine!“

Das Leben nach dem Tod sei das Thema von „Death Magnetic“, analysierte der Kopf von Metallica kürzlich in einem Interview. Der Weg der Band geht also weiter. Das liegt auch an der Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Produzenten Rick Rubin, dem sein Ruf als musikalischer Grenzüberschreiter seit den gefeierten Produktionen mit Johnny Cash vorauseilt. „Death Magnetic“ bringt aber auch klare Reminiszenzen an die Vergangenheit. Die stroboskopartigen Gitarren in „All nightmare long“ und „The Judas Kiss“ erinnern schon deutlich an Alben der achtziger Jahre. Die musikalische Brücke von den Anfangszeiten der Band und Metallica im Jahr 2008, die das Album authentisch und überraschend stabil baut, endet in tiefer Dunkelheit: „My Apocalypse“. Heavy-Metal bleibt doch irgendwie schwarz. Und richtig satt wird der wahre Metallica-Fan vom Tod ja sowieso nie.

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