Kultur : Es gibt kein ruhiges Leben mehr

ANNELIE LÜTGENS

Der Mann hat ein Locheisen in der Faust.Langsam hebt er den Arm und sticht zu.Was wie eine Szene aus einem Hitchcock-Film klingt, dokumentiert jedoch nichts anderes als die Arbeitsweise eines Künstlers.Das inszenierte Foto warb 1996 für seine Retrospektive in der Frankfurter Schirn Kunsthalle.Der Künstler ist Lucio Fontana (1899-1969), ein Mann, der sich für Einsteins Relativitätstheorie und Freuds Psychoanalyse begeisterte und der mit durchbohrten und aufgeschlitzten Leinwänden seinen spezifischen Beitrag zur Malerei des 20.Jahrhunderts leistete.Lange Zeit wurde Fontanas Werk auf diese spektakuläre Geste reduziert, und erst seitdem mit der Postmoderne in den achtziger Jahren auch das Disparate und stilistisch Uneinheitliche eines künstlerischen µuvres von Forschung und Kunstkritik gewürdigt wird, gibt es in Ausstellungen Gelegenheit, auch seine figürlichen und dekorativen Arbeiten kennenzulernen.

Lucio Fontana wurde am 19.Februar 1899 als Sproß einer nach Argentinien ausgewanderten italienischen Bildhauerfamilie geboren.Mit ihr übersiedelt er 1905 nach Mailand, kehrt 1922 nach Argentinien zurück und arbeitet zunächst in der väterlichen Werkstatt.1928 ging Fontana wieder nach Mailand und nahm noch einmal ein Kunststudium auf.Da wir heute dazu neigen, Künstler um die Dreißig bereits auf ein bestimmtes "Label" festzulegen, sollte man sich hin und wieder Lebens- und Werkläufe vor Augen führen, in denen sich nach langen Phasen des Experimentierens und Orientierens erst in der zweiten Lebenshälfte der Durchbruch ereignet.Es sieht so aus, als durchkreuzten sich bis dahin in Fontanas künstlerischem Werk immer wieder die argentinischen und italienischen Wurzeln seines unruhigen Lebens.Nachdem Fontana in den dreißiger Jahren Reliefs aus Terrakotta und Gips mit figürlichen Motiven und abstrakten Ritzzeichnungen produziert hatte, die sich an den surrealistischen Skulpturen eines Miró oder Calder orientierten, entstanden zwischen 1937 und 1949, Jahre, die er wieder in Argentinien verbrachte, expressive, farbig glasierte Terrakotten: Köpfe, Figuren, Tiergestalten.Diese und andere eher dekorative Arbeiten hat man in Europa lange ignoriert.Die Jüngeren sahen in Fontana einen Verbündeten, den Theoretiker des Spazialismo, der wie sie eine radikale, innovative, den Bedingungen des Raumzeitalters gemäße Kunst vertrat."Es gibt kein ruhiges Leben mehr.Der Begriff der Geschwindigkeit ist eine Konstante im menschlichen Leben", heißt es bereits im Weißen Manifest, das Fontana 1946 gemeinsam mit Studenten in Buenos Aires verfaßte und das an die Technikbegeisterung der italienischen Futuristen erinnert.Fontanas kühne theoretische Gedanken über die Vereinigung von Kunst und Wissenschaft und die Sprengung physischer Grenzen, wie sie die sich überstürzenden physikalisch-technischen Neuerungen seiner Zeit nahelegten, schlugen sich 1947 und 1948 im Ersten und Zweiten Manifest des Spazialismo nieder.Von da an beginnt Fontana sein Projekt des Raumkonzepts und nennt alle seine Werke Concetto spaziale, wobei er "Raum" als den potentiell unendlichen, kosmischen Raum versteht.Seine Begeisterung für Flugzeuge, Raketen, Neonlichter, für Radiowellen und für das Fernsehen, dem er ein eigenes Manifest widmete ("Manifesto del movimenti spaziale per la televisione"), ist noch rein wissenschaftlich-technologischer und nicht, wie später bei den Videokünstlern, inhaltlich-gesellschaftlicher Art.Eigentlich gelingt es ihm nur einmal, in der Arbeit "Ambiente nero", 1949 in der Mailänder Galerie Naviglio ausgeführt, seinen theoretischen Anspruch konsequent einzulösen.In dem von phosphoriszierendem Licht beleuchteten Raum schwebten verschiedene geschwungene Formen aus Pappmaché, die sich um einen elliptischen Kern gruppierten.

Fontanas perforierte oder mit Schnitten versehene Leinwände betonen die materiellen Bedingungen der Malerei eher, als sie in den gedanklichen Raum jenseits des Bildes vordringen.Erst mit den Minimalisten der 70er Jahre wird sich die Idee und das Konzept, die rein immaterielle Seite des Kunstwerks, endgültig durchsetzen.Das aber ist schon nicht mehr die Zeit Lucio Fontanas.

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