Kultur : Es gibt sie noch, die guten Dinge

Sehnsucht, handgemacht: Seit 80 Jahren führt die Familie Woellfer das Theater und die Komödie am Kurdamm

Ute Büsing

Es ist schon eine kleine Komödie, wenn der Hausherr, das silbergraue Wuschelhaar ungeordnet, mit schwerem Schlüsselring am Hosenbund, sympathisch verstottert vor das Premierenpublikum tritt und eine weitere Uraufführung oder deutschsprachige Erstaufführung ansagt. Soviel Tuchfühlung kann nur ein Patriarch und Prototyp des Theaterdirektors alten Stils wie Jürgen Woelffer sich und den Seinen zumuten. Schließlich ist man en famille - mit „Fleischermeister Fritz“ und „Tante Erna“, wie Woelffer so sagt, die von jeher gerne gucken kommen, mit jungen Leuten, die auf der Fährte von Szene-Stars den Boulevard gewissermaßen als subkulturellen Ort für sich entdecken. Und das ist das Kudamm-Theater auch: wenn nicht eine Sub-, so doch eine Parallel-Kultur.

Seit den Sechzigerjahren leitet der 67-Jährige die beiden Häuser – Theater (807 Plätze) und Komödie (607 Plätze) am Kurfürstendamm: „Wenn ein Stück nicht richtig läuft und nur so ausgelastet ist wie im subventionierten Theater, haben wir ein Riesendefizit. Bei uns kommt das Geld nur an der Kasse rein!“ Boulevard ist teuer. Jahresmiete: 785 000 Euro. Gagen und Gehälter 2003: 3,3 Millionen Euro. „Wenn wir uns zu radikal ändern“, weiß Woelffer, „fallen wir auf die Nase. Deswegen haben wir oft doch wieder das gemacht, was manche zopfig finden.“

Achtzig wird die Komödie am Kurfürstendamm dieses Jahr. Das Haus gratuliert sich selbst mit seinem größten Hit „Veronika der Lenz ist da – die Comedian Harmonists“, nimmt „Eine gute Partie“ mit Wolfgang Spier und Ralf Wolter wieder auf und zeigt eine Neuinszenierung von „Charleys Tante“. Mit Klamotten und Lustspielen erspielten sich die Woelffer-Bühnen einst ihren Ruf als Deutschlands führende Boulevardtheater. Diese Zeiten sind vorbei. Die Stars von einst – Harald Juhnke, Günther Pfitzmann – sind entschwunden.

Der Begründer der Familiendynastie, Hans Woelffer, führte mit „Kiss Me Kate“ in den 50er Jahren das Musical in Berlin ein und ließ dessen populäre Protagonisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller auch bei der Verballhornung „Schieß mich, Tell“ gewähren. Schon Max Reinhardt, der die Komödie 1924 als intimes Logentheater bauen ließ, setzte dort neben Komödien auf freche Revuen, wie auch im 1928 übernommenen Theater am Kurfürstendamm, wo Friedrich Hollaender mit „Bei uns um die Gedächtniskirche rum“ reüssierte. Bis 1942 hielt Hans Woelffer den Spielbetrieb aufrecht, bis auch ihn die Nazis enteigneten. Seit 1962 sind die Theater wieder in Familienbesitz.

Martin Woelffer, der Mann der nächsten Generation, ist ein freundlicher Pragmatiker, der sich lange gegen die Übernahme des Familientheatererbes gesträubt hat: „Die Leute brauchen immer was Neues, und wir brauchen immer neue Leute.“ Wagemutiger als der Vater will der Sohn sein: „Unterhaltungstheater muss mehr sein und mehr bieten als die klassische Dreieckskomödie.“ Martin Woelffer übernimmt jetzt gleichberechtigt Verantwortung im Woelffer-Bühnen-Direktorat, zu dem auch Onkel Christian gehört. Seit seiner Aufsehen erregenden Inszenierung der „Comedian Harmonists“, die gerade ihre 600. Vorstellung absolviert haben, hat Martin Woelffers Wort Gewicht im familiären Aufsichtsrat. Schließlich reist die von ihm zusammengebrachte Gesangsgruppe auch als Devisenbringer von New York bis Caracas. Die Neupositionierung hat indes ihre Tücken. Man kann am Kudamm schon aus Kostengründen kaum gegen die Groß-Musicals anstinken. Musiktheater-Ausgrabungen mit weniger Personal im Stile von „Wie werde ich reich und glücklich“ gelingen selten. Und der Boulevard?

Ob sie Sternheims „Hose“ machen – „in Hamburg ein Riesenerfolg!“ – oder den „Freigeist“ mit einer verpuppten Gudrun Landgrebe – ein Hohn hallt nach. Aber so war das schon, als Peter Zadek einst „Ab jetzt“ von Alan Ayckbourn mit Otto Sander inszenierte. Gut tat das dem Kudamm-Theater nur kurz und bedingt. „Die Leute gehen auf Namen. Aber so richtige Zugnamen und geliebte Sympathieträger wie früher: Platte, Pfitzmann, Juhnke, Spier, gibt es nur noch wenige. Herbert Hermann und Walter Plathe und Anita Kupsch machen das Haus heute noch voll. Das hat was damit zu tun, dass man die Leute liebt“, bedauert Jürgen Woelffer, dessen Inszenierung von „Pension Schöller“ die Häuser vor der Jahrtausendwende vorm Konkurs rettete.

Längst blicken die Schauspieler, wenn sie ins Publikum sehen, nicht mehr ins Silbermeer treuer Alt-Abonnenten. Als der Fernsehkomiker Dirk Bach unter Martin Woelffers Regie zum „Klassentreffen" antrat, tummelte sich die schwule Gemeinde Berlins, darunter auch der Regierende Bürgermeister, im Theater am Kurfürstendamm. Neu sind die „Theaterkonzerte“, mit Berlin- Sänger Klaus Hoffmann zum Auftakt und später Herman van Veen und Konstantin Wecker. Die menschelnde Inszenierung des Lubitsch-Klassikers „Rendezvous nach Ladenschluss“ setzt neben dem altbewährten Boulevard-Patriarchen Volker Brandt auf den traurigen Clown Dieter Landuris, Urgestein der Grips-„Linie 1“, Fernsehgesicht und zuletzt solo in der Bar jeder Vernunft mit „Völlig ausgebucht“.

Dirk Bach und Dieter Landuris verkörpern die Prototypen des Neuen, die ihr eigenes Publikum mitziehen. Die Woelffers möchten schon mehr Szene-Stars an sich binden. Doch auch durch ihre Subventionen besser ausgestattete Häuser wie Maxim Gorki und Renaissance Theater frönen längst dem lustigen Boulevard und wetteifern um Ben Becker, Cora Frost, Désirée Nick und dergleichen. „Wir überleben nur, weil mir immer was Neues eingefallen ist“, mault Jürgen Woelffer. 1988 gründete er die Komödie Winterhuder Fährhaus in Hamburg, 1996 die Komödie Dresden – beides florierende Zweitverwertungsbetriebe wie auch die inzwischen „zweitgrößte Tourneegesellschaft Deutschlands“, mit der Erfolgsstücke vom Kudamm in die Provinz geschickt werden.

Aber lange geht das nicht mehr. Und so sprach Martin Woelffer denn auch jüngst ein Tabu aus: „ Schließung eines oder beider Häuser am Kurfürstendamm“. Zum ersten Mal muss er es erwägen. Aber: „Hier wird Theater in einer kleinen, begeisterten Familie noch mit der Hand gemacht. Danach scheinen die Leute in der heutigen Zeit wieder Sehnsucht zu haben.“

www.theater-am-kurfuerstendamm.de

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