Kultur : Es grünt so grün, wo tausend Dollar blühn

Katrin Wittneven

Die amerikanische Künstlerin Elaine Sturtevant debütiert 1965 mit einem unglaublichen Tabubruch: Sie dupliziert Arbeiten von Künstlerkollegen wie Jasper Johns, Roy Lichtenstein und Claes Oldenburg, setzt ihren Namen darunter und stellt sie aus. Originale? Fälschungen? Sturtevant verkehrt die Begriffe und eignet sich auf diese Weise die Werke großer Umdenker und Wegbereiter in der Kunst an. Zu den Auserwählten gehören Schlüsselfiguren wie Marcel Duchamp, Frank Stella oder Andy Warhol, auf dessen Drucksieben sie in der legendären Factory die "Flowes" produziert und signiert. Um den Skandal geht es ihr keineswegs. Im Gegenteil: Als die Kritik an ihrer Arbeit zunimmt, fühlt sie sich missverstanden und steigt nach einer "Beuys"-Ausstellung Mitte der siebziger Jahre aus. Sturtevant geht nach Paris. Elf Jahre entsteht keine neue Arbeit.

Erst in den achtziger Jahren zeigt sie wieder Adaptionen von Künstlern wie Keith Haring. Der Wind hat sich inzwischen gedreht, und eine neue Künstlergeneration bedient sich mit Lust am Vorhandenen. Arbeiten werden kopiert, variiert oder neu arrangiert. Die "Appropriation Art" ist geboren und als Sturtevant zur Vorläuferin dieser medien- und selbstreflektiven Kunst ernannt wird, fühlt sie sich erneut fehlinterpretiert. Vielmehr möchte sie durch konzeptuelle Wiederholung künstlerische Strategien nachvollziehen: "Meine Absichten sind: unsere gegenwärtige Vorstellung von Ästhetik zu erweitern und zu entwickeln, Originalität zu erforschen und die Beziehung von Original zu Originalität zu erkunden und Raum für neues Denken zu eröffnen."

Noch heute verfolgt Elaine Sturtevant diese Strategie, und ihre auf den ersten Blick etwas spröde Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein wird bei genauem Hinsehen doch sehr viel aktueller. Im Stil Frank Stellas entstanden etwa 1989 etliche großformatige Gemälde. Das zweite Sehen dieser "Shaped Canvases" erzeugt eine Verschiebung, für einen Moment sehen die abstrakten Bilder wie überproportionale Priestergewänder aus.

Mehr noch als die Gemälde überraschen ihre Videoarbeiten. Zu Clubmusik dreht sich der Beamer im Kreis und projiziert Bewegungsstudien. Für "Dillinger Running Series" schlüpft Sturtevant in die Rolle von John Dillinger, den Bankräuber mit Robin-Hood-Image, der in den dreißiger Jahren als "Public Enemy Number 1" vom FBI gesucht und schließlich erschossen wird. Schon Beuys hatte sich 1974 von dieser Geschichte zu einem Video inspirieren lassen. Die für Sturtevants Arbeit gefilmten Einzelaufnahmen zeigen die Künstlerin mit einem Hut, wie ihn Beuys trug. Neben den kunstimmanenten Verweisen setzt sich die Arbeit mit der Glorifizierung des Verfolgten auseinander und mit der amerikanischen Personifizierung des Bösen, das mit aller Macht ausgemerzt werden muss. Produziert wurde die Serie vor zwei Jahren, doch aktueller könnte sie kaum sein.

Auch die Videosequenzen "The Greening of America" sind kritische Reflexionen über den "American Dream". In dem Land regiert die Farbe des Dollars, ein blasser Rasen wird grün gesprüht und zu Vermarktungszwecken brachte die Marke Heinz vor ein paar Jahren grünen Ketchup auf den Markt. Die Parameter der Kunst und die Fragen nach Originalität in der Massenkultur lotet die inzwischen über Siebzigjährige auch in ihren jüngsten Arbeiten mit ungebrochener Frische aus.

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