Kultur : Es grünt so grün

Morgen startet in Berlin das 9. Ultraschall-Festival

Christine Lemke-Matwey

Grün ist beileibe nicht nur die Hoffnung oder eine bekannte Partei oder neuerdings der deutsche Winter – grün ist ab diesem Jahr auch die Farbe für „Ultraschall“, das vom Kulturradio des rbb und von Deutschlandradio Kultur in trauter Zweisamkeit veranstaltete Berliner Festival für Neue Musik. Ein pastelliges, lindes, zartes Grün mit einer einzelnen, dunkleren Ader: die Wiedergabe gar eines riesenhaft vergrößerten Lorbeerblattes? Die „Lorbeerquote“ nämlich, so war zu Beginn der Pressekonferenz im Radialsystem zu hören, sie falle hier keineswegs „als Manna vom Himmel“. Im Klartext: Die Neue Musik hat’s schwer, lebende Komponisten haben es schwer, Veranstalter ebenso und nur zu oft hat es auch das breitere Publikum schwer – und altmodischerweise gehört all das mit zum Geschäft, zum guten Ton der „Avantgarde“.

Jenseits aller masochistischen Verdachtsmomente und Unterstellungen aber darf man sich keinen Sand in die Augen streuen. Ohne die Potenz und die Obhut der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wäre es um die Szene wesentlich schlechter bestellt. Das gilt für traditionsreiche Festivals wie Donaueschingen und Witten – und das gilt auch und gerade für ein junges Blut wie Ultraschall. Der Kulturauftrag, hier wird er – unabhängig von Prozenten und Geschmäckern – beim Wort genommen.

Nun ist es nicht untypisch für die Branche, dass in schöner Regelmäßigkeit und mit viel Verve und Schwung – jedenfalls konzeptionell – offene Türen eingerannt werden. Hat die Neue Musik sich außerhalb der Konzertsäle nicht längst neuer, unüblicher Räume versichert? Ist die Flucht aus dem Elfenbeinturm der nicht enden wollenden Material- und Strukturdiskussionen nicht längst erfolgt, zu- gunsten einer gleichsam aufgefrischten „gesellschaftlichen Relevanz“? Und haben sich die Neutöner nicht längst auch auf andere, offenere Formen des Dialogs besonnen, als ihr Publikum des Abends mit kiloschweren Besinnungsanalysen zu beglücken? Das sollte man meinen. Gleichwohl lauten die „Gravitationszentren“ von Ultraschall in diesem seinem neunten Jahr: Räume (von den Sophiensälen bis zur Philharmonie), Gesellschaft und Vermittlung. Erstaunlich? Erwartbar?

Blättert man allerdings etwas akribischer im Programm 07, dann lösen sich derlei theoretische Bedenkenträgereien rasch auf. Das Eröffnungskonzert am morgigen Freitag im Konzertsaal Hardenbergstraße der UdK bestreitet das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (mit Erstaufführungen von Olga Neuwirth und Hans Otte), der erste Samstag gehört ganz dem Schlagzeug, Markus Hinterhäusers Klavierabend ist dem Gedenken der kürzlich verstorbenen russischen Komponistin Galina Ustwolskaja gewidmet, und als Geheimtipp in Sachen Musik und Film (noch so ein „Gravitationszentrum“) gilt die Video-Oper „An Index of Metals“ des Italieners Fausto Romitelli.

International hoch gelobte Formationen wie das Arditti und das Pellegrini Quartett, die Ensembles Modern, Intercontemporain, Scharoun und Recherche sowie das Klangforum Wien und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin setzen sich mit Altmeistern wie Nicolaus A. Huber, Pierre Boulez oder Hans Zender auseinander und entdecken Neues: bei Juliane Klein und Agata Zubel, bei Rihm, Rühm und Cselsi. Mit Elektronischem, einem Symposium zur „Zukunft des Konzerts“ und Komponistengesprächen runden die Programmmacher Marianne Zander und Rainer Pöllmann das Ganze ab. Ein Kosmos, ein „Wagniskapital“, das so manchen Konkurrenten grün aussehen lassen könnt. Vor Neid.

Informationen: www.rbb-online.de sowie www.dradio.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben