Kultur : „Es ist auch meine Aufgabe, gegen das Vergessen zu kämpfen“

Kulturstaatsminsterin Christina Weiss über das Berliner MaerzMusik-Festival, lebende Komponisten, heilige Konzerträume und existenzielle Fragen ihres Amtes

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Frau Weiss, in Berlin ist gerade die MaerzMusik angelaufen, das Festival für aktuelle Musik. Wer braucht so etwas?

Menschen wie ich zum Beispiel. Ich möchte diese Musik hören, ich möchte wissen, was an neuen Klängen erfunden wird und wie Grenzerfahrungen passieren, Grenzüberschreitungen auch zwischen Alltag und Kunst, zwischen Klang und Geräusch.

Tut sich die Musik schwerer mit dem Puls der Zeit als andere Künste?

Wir liegen mit unserer Hörgewohnheit mehr als 100 Jahre zurück. In diesem Bereich ist sicherlich viel vernachlässigt worden, auch in der Vermittlung. Was mich persönlich betrifft, so habe ich zum ersten Mal in der Schule ein Stück Neue Musik gehört, „Atmosphères“ von Ligeti – und war vollkommen fasziniert. Dann habe ich eine Reihe mit Musik des 20. Jahrhunderts beim Saarländischen Rundfunk besucht. Da habe ich richtig hören gelernt. Kommentierte Konzerte halte ich bis heute für einen guten Weg, das Publikum an Neue Musik heranzuführen.

Ist die Frage nach der Akzeptanz Neuer Musik für Sie eine gesellschaftliche Frage?

Das Problem ist doch eher die unselige Unterscheidung zwischen U und E – und dabei das sonderbare Phänomen, dass wir in der Pop-Musik selbstverständlich das Neueste hören wollen, während wir uns in der Klassik verwegen vorkommen, sobald wir das 19. Jahrhundert hinter uns lassen.

Aber sind die Komponisten daran nicht auch selbst schuld, stehen Festivals wie Donaueschingen nicht für den traditionellen Elfenbeinturm?

Ich glaube, wir müssen den Mut haben, auch solche puristischen Angebote zu machen. Wobei Donaueschingen ein sehr spezieller Fall ist, das ist wirklich eine Pilgerstätte für Freunde der Avantgarde. Für die Bundeskulturstiftung ist das Festival einer der Leuchttürme der Neuen Musik, weil es einzigartig ist; und wir müssen aufpassen, dass so etwas nicht unter dem Druck aktueller Sparzwänge unwiderruflich zerstört wird. Ein anderes Beispiel sind zwei Projekte des Ensemble Modern, die ebenfalls über die Kulturstiftung des Bundes gefördert werden: Zum einen die Fortentwicklung eines neuen, flexiblen Orchestertyps, nämlich des Ensemble Modern Orchestra, und zum anderen eine Akademie mit der Kernidee, Musikstudenten im Tandem mit Musikern des Ensemble Modern eine Lehrzeit verbringen zu lassen.

Die Bundeskulturstiftung fördert insgesamt etwa 30 Projekte Neuer Musik. Haben Sie das Gefühl, dass das Bedürfnis nach institutioneller Förderung wächst?

Ja und nein. Wir müssen in Zukunft eine Menge Fantasie entwickeln, was neue Konzertformen betrifft. Die MaerzMusik zum Beispiel geht ganz gezielt andere Wege – und an andere Orte. Das Heiligtum des Konzertraumes muss auch mal aufgebrochen werden dürfen. Es geht nicht nur darum, die Menschen in die Institutionen hineinzubekommen, sondern auch darum, dass die Musik nach draußen geht. Mir fällt da immer eine schöne Anekdote von Wolfgang Rihm ein, dem einmal im Zug ein kleiner Junge gegenüber sitzt, der ihn fragt, was er denn so mache. Ich bin Komponist, sagt Rihm. Darauf der Junge: Was, und Du lebst noch?

Warum gilt unter dem Dach der Berliner Festspiele die MaerzMusik als so erfolgreich?

Das ist ganz einfach: Es war ein neues Konzept. Etwas, das in dieser Stadt gefehlt hat. Und das weckt sofort Neugier. Aus demselben Grund haben übrigens die bisherigen Festwochen nicht mehr funktioniert. Es stand zwar noch Festwochen drauf, aber es waren nicht mehr die alten Festwochen drin. Diese Sperre war den Menschen nicht mehr aus dem Sinn gegangen.

Wieviel Kultur braucht das Land in wirtschaftlich so harten Zeiten wie diesen?

Wissen Sie, ich habe in den vergangenen Monaten einen harten Kampf geführt, um den Bereich Kultur aus dem Koch-Steinbrück-Papier wieder herauszuoperieren und damit zu verhindern, dass Kulturförderungen als Subventionen betrachtet und dementsprechend gekürzt werden. Dabei ging es nicht nur um Projekte, die ausschließlich vom Bund gefördert werden, sondern auch um jene, bei denen die Länder einen Anteil zahlen. Für diese Projekte wären 12 Prozent Kürzung absolut verheerend gewesen. Das grundsätzliche Problem ist: Wenn man anfängt, die Kulturausgaben als Subvention zu bezeichnen, hat man schon verloren. Dass das nicht geht, musste vermittelt werden. Schulen werden in dem Sinne ja auch nicht vom Staat subventioniert. Ich glaube, ich konnte diesen Kampf nur gewinnen, weil das Ganze für mich eine so existenzielle Frage war, existenziell im Blick auf das Amt, welches ich innehabe.

Wie wichtig ist Kultur im politischen Diskurs?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Kultur keine Rolle spielt. Doch ich weiß: Wenn niemand da ist, der nicht unaufhörlich dafür kämpft, dann wird sie von den anderen vergessen. Gegen das „Vergessen“ zu kämpfen, ist meine Aufgabe. Und wenn ich Kultur sage, dann unterscheide ich nicht zwischen innen und außen, nicht zwischen Donaueschingen und dem, was der DAAD oder die Goethe-Institute im Ausland leisten.

Trotzdem ist die auswärtige Kulturpolitik nicht Ihrem Ressort unterstellt, sondern dem Auswärtigen Amt.

Das gestaltet sich in der Zusammenarbeit auch schwierig. Wobei es mir nicht darum geht, Beamte abzuziehen, sondern darum, die Koordination bis in den Arbeitsalltag hinein zu durchdenken und auf eine Basis zu stellen, die Konkurrenzen ausschließt. Darum werde ich mich bemühen und das nehme ich in meiner Arbeit auch sehr ernst.

Das Gespräch führte Christine Lemke-Matwey.

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