Kultur : Es ist trist und leer und wunderbar

Steffen Richter

wandelt durch ein Niemandsland Es lässt sich nicht leugnen, es geht zu Ende. Und die Jahresrückblickindustrie läuft auf Hochtouren. Wir erfahren, wer die beste Fußballerin des Jahres und das meistgesehene Politmagazin der ARD waren. Dürfte ich die besten letzten Romansätze küren, dieser wäre garantiert dabei: „So lebte er hin …“ Er ist freilich älteren Datums, stammt aus Büchners „Lenz“ und passt wunderbar in die Zeit „zwischen den Jahren“.

Denn dieses temporale Niemandsland ist die eigentlich friedliche Zeit. Man verdaut das Weihnachtsgelage und bereitet sich auf die Silvesterparty vor. Und – herrlich – nichts passiert. Fast nichts.

Sicherlich interessieren Sie sich schon lange dafür, wie in Chemnitz Literaturzeitschriften entstehen. Denn Chemnitz ist, sagen wir’s mal so, nicht gerade ein Eldorado des literarischen Lebens. Diesem Ruf wollten einige Studenten ein Ende bereiten, als sie im Winter 2001 den „Verein zur Förderung zeitgenössischer Literatur, Kunst und Philosophie“ gründeten. Das klingt so gar nicht nach kleinen Brötchen. Und tatsächlich veranstaltet der Verein viele Lesungen, zeigt Literatur-Kino und gibt vierteljährlich die Zeitschrift comma heraus. Darin fanden sich schon nette Textchen über den Leverkusener Rechtsaußen Bernd Schneider oder Omas Eierkochkunst. Morgen präsentiert sich „comma“ im Kaffee Burger (Torstr. 60, 21 Uhr). Wie passend: Die Lesebühne wurde wie „comma“ aus dem Geiste des Poetry Slam geboren.

Liebhaber der „spokenword“-Akrobatik können gleich aus Mitte nach Prenzlauer Berg weiterziehen. Dort wird am 30.12. im Bastard (Prater, Kastanienallee 7-9, 22 Uhr) der Poetry-Bastard des Jahres vergeben. Mit dabei sind unter anderen Jan Off, Nora Gommringer, Lino Ziegel, Bas Boettcher und DJ Marco Braun. Jeder darf bei der poetry_slamrevue 2004 zeigen, wie er „den Saal auf seine Weise rocken“ kann. Hm, groß ist sie, die Literatur, und Platz hat sie für vieles. Dem Gewinner winken übrigens fünf Flaschen Champagner. Fünf! Champagner!

Gut zu trinken und fein zu essen gibt es am selben Tag auch im Theater am Palais (20 Uhr). Das Kulinarische ist freilich nur Beilage, wenn die Pforten zum nächsten Jahr weit aufgestoßen werden: "Es Schillert" nämlich ganz gewaltig – mit Klassischem und weniger Klassischem aus der Feder des Meisters. Schiller , den Nietzsche einmal böse den „Moraltrompeter von Säckingen“ nannte, wird uns im kommenden Jahr ohnehin noch oft begegnen. Vergessen sollten wir darüber nicht die anderen Jubiläen. Etwa die 200. Geburtstage von Andersen und Stifter, die hundertsten von Sartre und Canetti oder den 100. Todestag des formidablen Franzosen Jules Verne.

Auf den französischen Fantasten können Sie sich schon jetzt im Kino einstimmen. Sollte Ihnen Frank Coracis wunderliche Martial-Arts-Version der „Reise um die Erde in 80 Tagen“ mit Jackie Chan nicht zusagen, dann greifen Sie doch einfach zum Buch. Das kommt immer gut. Nicht nur „zwischen den Jahren.“

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