Kultur : Es ist verboten, das Publikum anzubrüllen

Klassentreffen der englischen Performer: Das Festival „Live Brits“ im Berliner Hebbel am Ufer

Sandra Luzina

Um 20.50 Uhr dann M wie Macbeth. Fast fünf Stunden sind die vier Performer von Forced Entertainment mit ihrem „Marathon Lexikon“ schon zu Gange – und sehen kein bisschen ermattet aus. Um 24 Uhr wollen sie bei Zero oder Zynismus ankommen, danach steigt eine Party. Doch erst sind die heiklen Stellen von Macbeth dran: Verlesen werden die Protokolle der Inspizientin Mary Jones und die enthüllen ein Misslingen in Serie. Da verpassen Schauspieler ihren Auftritt, da fliegen Messer versehentlich ins Publikum, zerreißen Kostüme. Zu den aufgelisteten Kalamitäten und Pannen gesellen sich Beschwerden über unaufmerksame Zuschauer. Ein genervter Mister Gallagher, notiert Mary Jones, brüllt schon mal „Shut Up“ und muss sich sofort entschuldigen. Die wahren Dramen, aus der off-stage-Perspektive gesammelt und schreiend komisch. Und zugleich ein Lehrstück über das Theater. Denn deutlich wurde, wogegen die die Künstler der Live Art-Bewegung seit ihren Anfängen vor 20 Jahren andenken und anspielen.

Bei diesem Performance-Marathon brüllt niemand „Shut up“. Und die Spieler kämen nie auf die Idee, sich zu entschuldigen. Denn hier tritt eine andere Vereinbarung in Kraft. Die Zuschauer werden nicht in Geiselhaft genommen, sie können rein- und rausgehen, wie’s ihnen beliebt. Hinzu kommt der schöne Effekt, dass die Akteure vor einem sehr aufmerksamen und sehr jungen Publikum agieren. Tim Etchells und Adrian Heathfield haben sich die Lecture Performance von A-Z ausgedacht, die Beiträge von unterschiedlichen Künstlern und Theoretiken versammelt. Auch ein Berliner hat einen Höhepunkt beigesteuert: der Choreograf Thomas Lehmen gestaltete den Programmpunkt „Fucking“.

Neue Namen der britischen Live Art-Szene will das Festival „Live Brits“ im HAU präsentieren. Doch es waren die Veteranen, die Aktivisten der ersten Stunde wie Forced Entertainment, die überzeugen. Die zentralen Anliegen der Live Art werden hier noch einmal verhandelt, aber auf kluge und vergnügliche Weise. Dabei ist der Rahmen denkbar simpel. Die vier Darsteller sitzen an zwei Tischen, vor sich ein Berg von Papieren. Rechts und links steht eine Tafel, auf der die Buchstaben des Lexikons notiert werden und die Themen, aus denen sich ein kleines Kompendium der neuen künstlerischen Praktiken ergibt. Gewitzt wechseln die Perfomer vom Diskursiven zur Darstellung. Aber was heißt schon Darstellung! Diese Performer verachten die Kunst der Verstellung, und sind doch fasziniert davon. Live Art bedeutet, dass der Mensch auf der Bühne sich als Lügner und Hochstapler demaskiert. Und dass er mehr zeigt, als er beabsichtigt. Denn so ist das Leben – life is live. Hier soll sich die Kunst dem Leben öffnen, der Moment der Aufführung erfahrbar werden. Deswegen gehen die Performer Risiken ein, setzen sich der Gefahr des Scheiterns aus und strapazieren schon mal die Geduld der Zuschauer. Es herrscht eine andere Ökonomie von Zeit und Energie. Deutlich wird das beim Punkt „Now“: da tun die Perfomer eigentlich nichts, außer dass sie flüchtige Eindrücke registrieren. Dabei strahlen sie die Ruhe und Konzentration eines Zen-Meisters aus.

Erleuchtung „now“: damit hatte keiner gerechnet. Denn zu befürchten stand eher, dass bei den „Live Brits“ neue Schockwellen ausgelöst werden sollen – eine Invasion der Körperfresser. Doch selbst der Radikalkünstler Franko B. begnügte sich diesmal mit Blutkonserven: er zeigte Videos von seinen Performances, wo er live auszubluten scheint. Das Blut tröpfelt auf weißen Untergrund – aus Wunden, die er sich selbst zugefügt hat. Mit seinen masochistischen Body-Art-Praktiken steht Franko B. am anderen Ende des Spektrums. Wo Forced Entertainment ein intelligentes Sprachspiel um Bedeutung anzetteln, lässt er sich selbst zur Ader. Ein Seinsversessener, der diesmal wohl mit seinen Ressourcen haushalten musste. Nach seinem Berliner Auftritt musste er nicht ins Krankenhaus, stattdessen sah man den kleinen Mann lachend durchs Foyer schlendern – das Furchterregendste waren seine Tattoos.

Das Festival „Live Brits“ läuft noch bis zum 23. Januar im HAU 1-3. Programm und Infos unter www.hebbel-am-ufer.de

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