Kultur : Es ist zu spät, um aufzugeben

Gabi Blome

Unermüdlich schreibt er seit Jahrzehnten gegen Umweltzerstörung und westliche Wohlstandsmentalität an. Carl Amery, Münchener Urgestein der ökologischen Bewegung, erhebt heute wie vor einem halben Jahrhundert warnend seine Stimme und wirbt für den "intelligenten Verzicht" zum Erhalt einer bewohnbaren Umwelt. In den letzten Jahren radikalisierte sich sein warnender Ruf zu einem niederschmetternden Kulturpessimismus. Der Autor prägte den provokanten Begriff der "Reichsreligion des Kollektiven Selbstmords" und meint damit die Logik der Weltwirtschaftssysteme, die, so Amery, zur Zersetzung der sozialen Systeme, zur Zerstörung moralischer und physischer Lebensgrundlagen führen werde. Während wir glauben, dass unsere Gesellschaft ein bunter Flickenteppich von Werten und Kulturen ist, existiert diese nach Ansicht des Autors in Wahrheit nur unter der Kuppel der "Religion des alles bestimmenden Totalen Marktes," zu dem es keine Alternative gebe.

Die Publikationen des Zeitkritikers, Schriftstellers und Naturschützers prägten seit Erscheinen seines ersten Buches, "Der Wettbewerb" (1954), die Debatten der Republik. Das ehemalige Mitglied der Gruppe 47 gilt als widerborstiges, scharfzüngiges Original. So ist Amery nicht müde geworden, in seinen Büchern Zukunftsszenarien zu entwerfen, die geistreich-ironisch die Folgen verfehlter Umwelt-Politik umreißen.

In den 70ern wurde ihm aufgrund seiner kritischen Haltung der Kirche und der Glaubenspraxis gegenüber, das Prädikat "Linkskatholik" verliehen. In Schriften wie "Die Kapitulation oder Der real existierende Katholizismus" und "Das Ende der Vorsehung" hinterfragte der bekennende Christ den biblischen Auftrag der Erdunterwerfung aus ökologischer Perspektive.

Amery kandidierte 1979 bei der Europawahl für Die Grünen. Als der "grüne Philosoph" gehörte er 1981 zu den ersten Unterzeichnern des "Appells der Schriftsteller Europas", in dem die verantwortlichen Politiker zu Abrüstungsverhandlungen aufgefordert wurden.

Der 1998 erschienene Essay "Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?" wird von Kritikern als das politische Testament des Autors betrachtet. Carl Amery tritt in seiner Streitschrift der gängigen Meinung entgegen, Auschwitz sei ein einmaliger Betriebsunfall der Zivilisation gewesen. Das Prinzip der Selektion bricht durch das Hintertürchen des freien Marktes erneut in das Leben der Menschen ein, diesmal nicht im Gewande rassistischer, sondern ökonomischer Gewalt. Amery fordert eine Abkehr von diesem Zwangssystem, dessen "objektiver Endzustand eine Welt von Schrott, Müll und Gift ist." Sein jüngstes Buch, "Global exit. Die Kirchen und der totale Markt" (Luchterhand Literaturverlag), kreiert ein Endzeitszenarium, es sei denn, die Kirche der Christenheit rufe auf zum Exodus aus dem "Sklavenhaus des globalen Kapitalismus."

Für sein vielfältiges, kritisches Werk wurde Carl Amery mit zahlreichen Preisen, darunter der Bayrische Friedenspreis, der Friedrich-Märkerpreis für Essayistik und das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet. Heute wird der Vater der ökologischen Bewegung und unbeugsame Gesellschaftskritiker 80 Jahre alt.

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