Kultur : Es lebe der Pop!

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MUSIKZIMMER

Diedrich Diederichsen verteidigt

die Leichtigkeit gegen die SuperstarStreber

Dieses Wochenende sah den Gipfel eines vor Selbstbewusstsein strunzenden neuen deutschen Konformismus der Pop-Musik. Widerspruch war kaum noch zu hören. Stattdessen stapelten sich die Unerfreulichkeiten: Das Finale der sogenannten Superstars, die von sich rätselhafterweise nicht schämenden Tageszeitungen durch Beteiligung aufgewertete nationale Vorentscheidung des Grand Prix d’Eurovision, schließlich die Meldung, Universal-Chef Tim Renner habe auf einer CDU-Veranstaltung zu Pop und Deutschland so engagiert wie penetrant nach einer Re-Nationalisierung von Glamour oder Re-Glamourisierung der Nation mithilfe seiner Haus-Combo Rammstein gerufen, dass es selbst den anwesenden Christdemokraten zu laut wurde. Aber auch der anfangs noch ambivalente Küblböck weiß sich wiederum wohl nicht nur mit Renner einig, dass Deutschland ein „geiles Land“ ist.

Alles, was bislang gegen die Superstars gesagt wurde, hielt sich an Nebensachen auf, wie dem eventuellen Schaden, den die Teilnehmerchen an ihren jugendlichen Seelen nehmen könnten. Oder dem Schweinegeld, das die krisengeschüttelte Kulturindustrie damit verdient. Der eigentliche Schaden besteht aber darin, dass beeindruckbaren Jugendlichen und anderen Knallköpfen wochenlang die schlechteste Musik des Planeten als „glamourös“ oder begehrenswert verkauft wurde: nämlich Lieder aus Musicals, Knödel-Soul der Whitney-Houston-Schule in allen Darreichungsformen sowie überhaupt aus jedem denkbaren Themenbereich die mit Abstand scheußlichsten Beispiele (etwa „What a Feeling“ als Song der 80er).

Viel gravierender noch aber war die pausenlose, von Beginn an dem Publikum eingehämmerte Behauptung, Pop-Musik sei in erster Linie eine Sache von aufopferungsvoller Arbeit am Talent, eiserner Disziplin und mordlüsternen Massakern an inneren Schweinehunden. Pop als Disziplin, als Tretmühle, als biederes hinter angeblichen Talent- und Professionalitätsstandards Hinterherschwitzen – das war in widerlicher Weise das absolute Gegenteil jedes großen Moments der letzten 50 Jahre Pop-Geschichte. Pop-Musik kommt, schlimm genug, dass man das noch sagen muss, selbstverständlich ohne all das aus. Sie lebt von Leichtigkeit oder Verzweiflung, angenehmen Personen, auch einigen großen unangenehmen, von Selbstbewusstsein, auch schon mal von dessen rührendem Gegenteil, vor allem aber von der Sicherheit, ein Leben der Disziplin, der Unterwerfung und der Beurteilung durch dämliche Autoritätspersonen nicht zu brauchen.

Leider ist die Verbreitung dieser Ideologie und anderer Gehirnwäschen weder den Re-Nationalisierern noch den Disziplinierern und Talentquatschern vorbehalten; sogar die „taz“ macht sich, vor allem durch ihren Schlagertheoretiker Feddersen, programmatisch stark für den Grand Prix und unterstützte eine eigene Kandidatin. Wenn das nur eine PR-Aktion gewesen wäre, wäre es mir egal gewesen, aber leider gab es auch Grundsatzdebatten, die sich von der linken, Subkultur-geleiteten Pop-Hegemonie verabschieden wollen, zugunsten des geilen europäischen Massenpublikums. Das Argument war so schlicht wie ideologisch: Die linke und subkulturelle Kritik an der Massenunterhaltung erschöpfe sich darin, dem Mainstream seinen Mainstream vorzuwerfen, brächte aber umgekehrt auch nur kulturelle Grüppchen und Zirkel hervor. Man entwende dem Gegner ein leeres, flaches Argument – keine ernstzunehmende Pop-Position hat je den Mainstream nur wegen seiner strukturellen Rolle abgelehnt, sondern immer nur einen bestimmten Mainstream und zwar wegen seiner ästhetischen und politischen Scheußlichkeiten – und bastele sich daraus selber ein starkes: Dem Schlager geht es also um mehr als nur die Bestätigung einer sozialen Struktur, um einen starken Inhalt also? Ist das gemeint? Wohl kaum. Kann ja auch nicht. Als Argument gilt plötzlich „Unterhaltung“. Unterhaltung aber ist noch ein Zacken vager und struktureller.

Es ist das große konformitätsstiftende Nichts, das auch deswegen wieder so stark werden konnte, weil niemand den Kampf gegen die erstickenden Samstagabende der Kindheit später weiter führen möchte. Man glaubte das doch in der Pubertät schon erledigt zu haben. Signum restaurativer Zeiten ist aber genau der eklige Zwang, noch einmal bekämpfen zu müssen, was man, wenn es in der Geschichte mit rechten Dingen zuginge, doch längst besiegt hat. Eine deutsche Scheußlichkeitskoalition von Schlager bis Rammstein, Universal und CDU mit Unterstützern bis hin zur „taz“ würde womöglich sogar einen einigen Underground gegen sich aufbringen, eine Gegenkoalition der Kotzenden. Aber, mein Gott, wäre das langweilig! Hat man nichts Besseres zu tun!

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