Kultur : Es muss ein Sandkorn sein in der Posaune

War einmal ein Revoluzzer, im Zivilstand Reimeputzer: Lübeck feiert den 125. Geburtstag des dichtenden Anarchisten Erich Mühsam mit einer Ausstellung

Peter Köhler

Jedes Volk hat die Dichter, die es braucht. Dichter, die ihm Neues und Anderes zeigen. Aber hat auch jeder Dichter sein Volk verdient? Der Anarchist Erich Mühsam und die ordnungsliebenden Deutschen zum Beispiel: Dieses Kapitel der Literaturgeschichte ist nicht mit der Feder des Glücks geschrieben. Mühsam hatte es zeitlebens schwer: Am 6. April 1878 in Berlin geboren, durchlitt er unter der Fuchtel seines grausamen Vaters eine Kindheit, die ihm unauslöschlichen Hass auf Zwang und Herrschaft einimpfte.

Von der Schule wegen sozialistischer Aktivitäten geflogen, muss er widerwillig eine Apothekerlehre absolvieren; dann stürzt er sich ins Bohemeleben und agitiert die von ihm zum „fünften Stand“ erhobenen Ganoven, Landstreicher und Huren, die seine sozialrevolutionäre Propaganda als Anstiftung zu gemeinsamen Verbrechen missverstehen. Er beteiligt sich an der Revolution 1918 und der Münchner Räterepublik im Jahr darauf und verbüßt nach deren Niederschlagung fünf Jahre Festungshaft. 1933 wird er in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und 1934 im KZ Oranienburg ermordet.

Mühsam war ein weltfremder Rebell, der Staat, Kirche und Kapital von Herzen hasste, ein libertärer Sozialist und ein Einzelgänger, dem der lebendige Geist wichtiger war als jede Parteidisziplin. Wie wenig er von der Welt wusste, beweisen seine grotesken Fehleinschätzungen: Über die „Hitlerpartei“, deren Wüten ihn am Ende das Leben kostete, schrieb er 1931, sie sei „dem Parlamentsirrsinn rettungslos verfallen. Der Weg der Nazis kann nur der der Sozialdemokratie sein.“

Mühsams politisches Wirken war vergeblich, sein poetisches Werk ist fast vergessen. Und tatsächlich lagert auf vielen seiner Verse und Geschichten, von den politischen Aufsätzen zu schweigen, der Staub der Zeit. Sein Pathos wirkt manchmal sogar komisch. „Erwacht, im Erdenrund ihr Knechte!“, hebt Mühsams Gedicht „Die Internationale“" an: „Erwacht aus Hunger, Qual und Fron!/Im Erdkern grollen eure Rechte,/zum Endkampf auf". Mühsam muss gewusst haben, dass er lächerlich wirken konnte. In seinem Gedicht „Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen“ heißt es: „Ich stoß ins Horn. Noch einmal. – Doch ich staune:/die Menschen lachen, die ich wecken wollte,/als ob ein Misston in die Lüfte rollte. –/Es muss ein Sandkorn sein in der Posaune." Wenn Mühsam allerdings mit Absicht lächerlich macht und auf die Fortdauer des Alten schimpft, entfaltet er satirische Qualitäten: so im berühmten Lied vom Lampenputzer als „Revoluzzer“, der „unverdrutzt/ alle Gaslaternen putzt.“ Jener andere Mühsam, der kein Barrikadensänger und Zeitdichter ist, lässt sich mit Vergnügen lesen. „Es stand ein Mann am Siegestor,/der an ein Weib sein Herz verlor./Schaut sich nach ihr die Augen aus,/in Händen einen Blumenstrauß./Zwar ist dies nichts Besunderes./Ich aber – ich bewunder es."

Leider sind diese Zeilen in dem zweibändigen Lese- und Bilderbuch, das Marlies Fritzen zum 125. Geburtstag des Dichters zusammengestellt hat, eines der wenigen Beispiele für diese Facette seines Schaffens. Keine seiner Humoresken findet sich darin, im illustrierten Dokumententeil muss man sich mit Ausschnitten aus den amüsanten Bilderbüchern begnügen, die Mühsam seiner Frau Zenzl zu den Hochzeitsstagen widmete. So bieten die Bücher zwar einen Querschnitt durch Mühsams kämpferische Lyrik und politische Publizistik, doch der verspielte Humorist und verliebte Dichter kommt zu kurz.

Erich Mühsam: Sich fügen heißt lügen. Bd. 1: Ein Lesebuch. Bd. 2: Leben und Werk in Texten und Bildern. Hg. v. Marlies Fritzen. Steidl Verlag, Göttingen 2003. 271 und 168 S., im Schuber zusammen 45 €.

Dazu findet im Lübecker Buddenbrookhaus noch bis zum 28. Mai eine Erich-Mühsam-Ausstellung statt. Weitere Termine: München (Monacensia, 12.6. bis 17.10.), Berlin (Schleswig-Holsteinische Landesvertretung, 29.10. bis 8.11.).

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