Kultur : Es muss Heiterkeit atmen

Karl Mickels Roman „Lachmunds Freunde“

Katrin Hillgruber

Drei Freunde sollen sie nicht nur sein, sie bleiben es auch über 600 Seiten lang: Das ist eine der wenigen eindeutigen Aussagen, die man über „Lachmunds Freunde“, den einzigen, posthum veröffentlichten Roman des Lyrikers Karl Mickel, treffen kann. Der an Jean Paul gerichtete Vorwurf, er dichte wie ein streunender Hund, gilt auch für dessen Bewunderer Mickel, der sein Roman-Motto Jean Pauls „Titan“ entleiht: „Ja, wir haben keine Gegenwart, und die Vergangenheit muss ohne sie die Zukunft gebären.“

In der erzählten Gegenwart des 17. Juni 1953 jedoch beginnt die Geschichte dreier junger Dresdner, Spiegelungen des Autoren-Ichs: Der Abiturient Bär, der sich in seinem besten Anzug in die Hauptstadt aufmacht und dort in eine Aufstandssituation gerät, die er naiv schlichten will und dabei Bewusstsein und Garderobe verliert; der wie Bär kunst- und musiktheoretisch versierte Boxer Eckart Immanuel Lachmund; der Student Günther Amboß, der sich in „Hammer“ umbenennt. Eine erfrischende Kompromisslosigkeit ist ihnen zu eigen: „Er zählte 20 Jahre. Alt und Jung galten ihm als stockverschieden wie Mann und Weib; Übergänge lagen außerhalb seines Wissens, Mittellagen außerhalb seines Empfindens.“

In unverbundenen Handlungssträngen erzählt Mickel Episoden aus dem Leben seiner Helden, vor allem, wenn „merkwürdige Frauen und rührende Mädchengestalten“ deren Wege kreuzen. Das beginnt mit Bär und der großgewachsenen Ingrid aus dem FDJ-„Aufklärungslokal“, der er Mozarts „Don Giovanni“ praxisbezogen als Abfolge weiblicher Orgasmen erklärt. Der zweite Teil des Romans verlagert sich in ein fiktives Königreich Sachsen, eine von Walter Ulbricht genehmigte Enklave. Lachmund bekleidet nun die Stelle eines Hofrats, was auch eine „Clubkarte für das Gynäkeum“ beinhaltet. Männerträume dieser Art wertet der Herausgeber als „subversive Energie der Sexualität“, Mickel selbst sprach vom kalkulierten Einsatz „schmutziger Stellen“.

Mehr als fünf Gedichte pro Jahr bringe er nicht zu Papier, hatte er einmal gesagt. In der Prosa kannte er Selbstbeschränkung nicht. Sicherlich auch deshalb, weil seine anarchisch-sächsische Freiheitsphantasie, für die er seit 1965 Episoden, Lesefrüchte und Aperçus zusammentrug, keine Chance auf Veröffentlichung in der DDR hatte. 1991 erschien „Lachmunds Freunde I“ innerhalb der Werkausgabe zu Lebzeiten. Einzelne Kapitel aus dem Fortsetzungsband konnte er noch in Zeitschriften publizieren, doch über das unvollendete fünfte Kapitel kam er nicht mehr hinaus. Am 20. Juni 2000 starb Mickel, schloss sich mit knapp 65 Jahren der „unersättliche Kreislauf Leichen und Laich“, von dem sein berühmtestes, radikal materialistisches Gedicht „Der See“ handelt.

Der Arbeitersohn aus Dresden studierte Volkswirtschaftsplanung und Wirtschaftsgeschichte in Berlin. Von 1965 bis 1971 war er Assistent an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst, später Redakteur der Zeitschrift „Junge Kunst“ und Dramaturg am Berliner Ensemble. „Er ist gebürtiger Sachse und lebt als Marxist in Preußen“ charakterisierte Rainer Kirsch seinen Weggefährten aus der „Sächsischen Dichterschule“. Sie belebte nicht zuletzt mit Porträt- und Widmungsgedichten wie Mickels „Porträt A.E.“ (Adolf Endler) die Tradition des Göttinger Hainbunds neu. Diese geistigen Strömungen reflektiert auch der Roman. Gerade im zweiten Teil gleicht er einem Gedankenpanorama, das vielfältige Einblicke in Mickels poetische Werkstatt gewährt. Das aber kostet Zeit und Geduld: Bei dieser Lektüre kann man nicht Hammer, sondern nur Amboss sein.

Kühnheit und Klassizität waren die Pole von Karl Mickels Autorschaft. 1963 debütierte er mit dem frisch-frechen Band „Lobverse & Beschimpfungen“. 1966 folgte die Sammlung „Vita nova mea“, parallel dazu gab er mit Endler die Lyrikanthologie „In diesem besseren Land“ heraus. Theoretisch außerordentlich versiert erarbeitete sich Mickel die Überlieferung, um seinen künstlerischen Blick zu schärfen. Gerade die Utopisten des 18. Jahrhunderts ermöglichten ihm einen Höhenflug jenseits des „Zwergenstaats“ DDR. Seine Orientierung an Goethe, Wieland und vor allem Klopstock, dem Verfasser der aufklärerischen „Deutschen Gelehrtenrepublik“, verlieh seinen Arbeiten zuweilen etwas Sprödes, Gravitätisches. Ein großer Publikumsautor wurde er nie.

„Wahrscheinlich wird L II nicht fertig werden. Darum keine Panik. Aber auch keine Nachlässigkeit“, heißt es in seinen Notaten „Milleniums Ende“. Diese Erkenntnis angesichts der fortgeschrittenen Krankheit veranlasste ihn, den befreundeten Kollegen Klaus Völker, seinerzeit Rektor der Hochschule Ernst Busch, mit der Herausgabe des Lachmund-Fragments zu beauftragen. Völker hat diese Herkulesaufgabe bravourös gemeistert. Allerdings fragt man sich, ob die vielen misogynen Altherrenwitze – „1) An Grabes Rand zieh ich Bilanz / 2) Der Tätigkeit von Kopf und Schwanz“ – Mickels Nachruhm nicht beeinträchtigen. Doch er wollte ja unbedingt Ehrenbürger von Calau werden.

„Es muss Heiterkeit atmen“, wünschte sich Karl Mickel für sein work in progress, in dem es ihm nach der „grotesken Komik der Übergangsperiode“ 1989/90 um einen Ausblick in das arkadische Reich der Freiheit ging. Und tatsächlich: Durch alle Seitengassen und Nebenwege, Kreuz- und Querzüge strahlt das Phänomen „Lachmund“ die fatalistische Heiterkeit eines Irrgartens aus.

Karl Mickel: Lachmunds Freunde. Erstes und Zweites Buch. Hg. von Klaus Völker. Wallstein, Göttingen 2006. 600 S., 29 €.

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