Kultur : Es musste eine Levi’s sein

Die Nietenhose war in der DDR verpönt. Dann machte das ZK das Jeansproblem zur Chefsache – und ruinierte damit die sozialistische Wirtschaft.

Rebecca Menzel

Mit der Erinnerung an die Wendewochen scheint auch die Mode von damals wieder da zu sein. Bei den Zuschauern der Haute-Couture-Schauen in Paris, den eigentlichen Trendsettern also, soll ein Bekleidungsstück gesichtet worden sein, das damals wie kein anderes als Erkennungsmerkmal der DDR-Bürger galt: die Stonewashed-Jeans. Ein Mythos ist nach 15 Jahren zurückgekehrt. Die internationalen Fernsehsender trugen die Bilder in alle Welt: jubelnde Mauerstürmer, von oben bis unten in marmoriertes Blau gekleidet, zwängten sich am Abend des 9. November 1989 durch die deutsch-deutsche Grenze. Die Hosen waren an den Knöcheln eng, am Bund hatten sie Falten. Die Jacken sahen aus, als seien sie mit Watte ausgestopft und verliehen ihren Trägern imposante breite Schultern. Die konnte man damals gut gebrauchen. Die Zeiten waren hart.

Manche behaupten, die Stonewashed-Mode sei allein den Ostdeutschen vorbehalten gewesen. Das ist falsch. Als Anfang der 80er-Jahre die Umsatzzahlen der globalen Jeansproduzenten ins Stottern geraten waren, hatten sie ihre Produkte einfach mit ein paar Steinen in die Waschmaschine gesteckt und dem Endprodukt einen klingenden Namen verpasst. Ein paar Jahre, bevor meine Klasse im Zehlendorfer Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium ratlos vor den ersten Schülern aus dem angrenzenden Kleinmachnow stand und deren Stonewashed-Look begutachtete, hatte der von uns viel frequentierte Witboy-Store im Steglitzer Forum genau solche Jeans im Angebot. Was meinen neuen Klassenkameraden wie der letzte Schrei vorkam, war für uns längst wieder out. Eine vorurteilsfreie Kommunikation wurde dadurch eindeutig erschwert.

Wie weit sich Ost- und Westdeutsche während der letzten 40 Jahre voneinander entfernt hatten, lässt sich natürlich nicht nur an modischen Missverständnissen festmachen, aber auch. Jeans hatten als Symbol amerikanischer Jugendkultur in der DDR lange eine ganz andere Bedeutung als im Westen. Für die Moralhüter des Arbeiter- und Bauernstaates waren die Hosen mit den Nieten genau wie US-amerikanische Produkte der Film- oder Musikindustrie kapitalistischer Schund und Schmutz, ihre Verbreitung wurde als Versuch gedeutet, die Jugend zu beeinflussen. An vielen Klubhäusern der FDJ hingen in den 50er-Jahren Schilder: „Zutritt in Nietenhosen verboten!“ Wer in der DDR ein rebellisches Signal setzen wollte, zwängte sich deshalb erst recht in amerikanische Jeans und erklärte seinen entsetzten Staatsbürgerkunde-Lehrern, dass das die Hosen der amerikanischen Arbeiterklasse seien.

Tatsächlich hatte der aus Bayern in die USA emigrierte Levi Strauss seine Hosen aus strapazierfähigem Segeltuch zuerst für amerikanische Goldgräber genäht. Dann kauften Farmer und Rancher die Denim-Hose, bis sie schließlich ein Modeartikel für Rock ’n’ Roll-wütige Teenager wurde. Es war die Zeit der Entenschwänze und des Bürstenschnitts, der karierten Hemden und des T-Shirts, der Petticoats und der Ringelsöckchen, als das frisch geteilte Nachkriegsdeutschland diese modische Attraktion aus Übersee erreichte. Von nun an gab es bei der Hosenwahl für Teenager fast keine Alternativen: Es musste eine Nietenhose sein, wie die Jeans noch bis in die 60er- Jahre genannt wurde. Ab Mitte der 50er-Jahre eroberte der blaue Baumwollstoff, durch amerikanische Filmstars wie James Dean, Marlon Brando oder Marilyn Monroe zielgruppensicher beworben, die Herzen deutscher Jugendlicher – in West wie Ost wohlgemerkt. Richtig gute Nietenhosen aber blieben bis zuletzt Mangelware in der DDR. Dass man die Jugend von Prenzlauer Berg und Friedrichshain trotzdem in Denim sah, lag daran, dass die Grenze bis 1961 praktisch offen war. An den Ständen des Grenzbahnhofs Gesundbrunnen gab es alles, was das Herz eines DDR-Jugendlichen begehrte. Fritz Rudolf Fries lässt in seinem Roman „Der Weg nach Oobliadooh“, der 1966 nur im Westen erscheinen durfte und erst 1989 in der DDR gedruckt wurde, zwei Leipziger Studenten angesichts des Jeansangebotes in Westberlin, schwärmen: „Hier wurden Träume Wirklichkeit.“ Der Musiker Klaus Renft, der später mit Auftrittsverbot aus der DDR geekelt wurde, versorgte sich im Westen mit den begehrten Hosen. „In Leipzig war ich damit der Schärfste, und die Mädchen standen Schlange.“

Bei einem Auftritt seiner ersten Band „The Butlers“ im Clara-Zetkin-Park befürchtete Renft eine Massenschlägerei, weil sich die stadtbekannte „Capitolmeute“ eingefunden hatte: „Der Platz glich dem einer Maidemonstration, nur dass eben keine Blauhemden, sondern James-Dean-Jacken, Bluejeans und Mokassins das Bild beherrschten.“ Auch Dieter Birr von den Puhdys sehnte sich nach einer echten Westjeans, konnte sie sich aber nicht leisten. Schließlich fand er Mitte der 50er-Jahre ein wahrscheinlich noch privat geführtes Geschäft auf der Karl-Marx-Allee, das Nietenhosen mit bunten Umschlägen und Reißverschlüssen an den Taschen anbot: „Da war ich etwa zwölf Jahre alt und fand diese Hose so was von stark. Mit meiner ersten Jeans kam ich mir vor wie ein richtiger Cowboy aus Amerika.“

Nach dem Mauerbau, als typische West-Produkte wie die Jeans nur noch über persönliche Beziehungen „nach drüben“ zu erreichen waren, stieg ihr symbolischer Wert enorm. Der Schauspieler Winfried Glatzeder, berühmt geworden durch „Die Legende von Paul und Paula“, kann sich daran erinnern, dass Geheimtipps herumgereicht wurden, wie man Jeans nachschneidert oder wo man sich welche nähen lassen konnte. Die Nieten wurden im Notfall mit der Zange reingemacht. Wie im Westen war die Nietenhose in den 60er-Jahren das Erkennungsmerkmal für Beatfans und Hippies – der Inbegriff für Weltgewandtheit und überlegene Gelassenheit. Für ältere SED-Funktionäre, die die „Hausherren von morgen“ mit ihrem Jugendkommuniqué von 1963 zu mehr Partizipation aufgefordert und sich mit den ersten Beatles-Platten auch kulturell auf einige Kompromisse eingelassen hatten, blieb die Jeans eine Provokation. Im ostdeutschen Generationenkonflikt wurde gezogen und gezerrt, gerade in Sachen Mode und Musik.

Nach ersten Liberalisierungen bekam die SED Angst vor den Geistern, die sie gerufen hatte und ließ unter der Federführung Erich Honeckers, damals noch Sicherheitsbeauftragter im Zentralkomitee, sämtliche nationale Beatgruppen mit englischen Namen verbieten. Bei Jeans auf der Bühne drohte Auftrittsverbot. Auch in Defa-Filmen hatten es Jeans lange schwer. Gleich nach dem Mauerbau versuchte man mit stilistischen Mitteln, die bei amerikanischen Vorbildern abgeschaut waren, einen Anti-Rock ’n’ Roll-Film zu lancieren. „Die Glatzkopfbande“ zeigte gewalttätige Jugendliche in Jeans, die die friedlichen Urlauber eines Zeltplatzes auf Usedom terrorisierten. Eine Reihe von Filmen junger Regisseure, die sich dem Generationenproblem angenommen hatten und deren Protagonisten auffällig oft in Jeans für mehr Meinungsfreiheit und Individualität argumentierten, wurden verboten. Von den Straßen ließ sich die Jeans jedoch nicht so leicht verdammen.

1968 gab Ulbricht nach und genehmigte die Einfuhr ungarischer Jeans, die in den neu eingerichteten Jugendmode-Läden als Cottino-Hosen verkauft wurden. Der Begriff Jeans oder Nietenhose aber blieb per Order von oben tabu. Bei der Eröffnung des ersten Ladens auf der Berliner Karl-Marx-Allee standen die Neugierigen zu Hunderten vor dem Geschäft und schließlich musste die Polizei kommen, um einen Tumult zu verhindern. Eine Junge-Welt-Reporterin, die zwecks staatlich sanktionierter Berichterstattung als Verkäuferin eingesprungen war, wunderte sich über die Zielstrebigkeit, mit der die Jugendlichen sich auf die blaue Import-Ware stürzten.

Im Laufe der 70er-Jahre wurden immer mehr Jeans Marke „Boxer“, „Wisent“ oder „Shanty“ in den volkseigenen Betrieben der DDR hergestellt, doch die entsprachen nicht den Ansprüchen der Bevölkerung. Der Stoff, die Form, die Farbe – stets schnitten die DDR-Jeans im Vergleich zu westlichen Produkten, die man im Intershop gegen Westgeld erwerben konnte, schlechter ab. Selbst in Polen oder Ungarn waren die Jeans besser, so dass ein reger Schwarzhandel entstand und viele DDR-Jugendliche einen großen Teil ihres Urlaubsgeldes für die Investition in eine neue Jeans aus Budapest oder Warschau steckten. Die verantwortlichen Funktionäre gerieten unter Handlungsdruck. Für sie war der Kampf um gleichwertige Jeans eben nicht nur eine ökonomische, sondern immer auch eine ideologische Frage.

Mit dem Stück „Die neuen Leiden des jungen W.“ gelang dem Dramatiker Ulrich Plenzdorf 1972 ein großer Publikumserfolg. Entsetzt musste Erich Honecker, mittlerweile Generalsekretär, mit ansehen, wie die von ihm umworbene Jugend im Theater jubelte, wenn es zu den entscheidenden Sätzen kam: „Natürlich Jeans! Oder kann sich einer ein Leben ohne Jeans vorstellen? Jeans sind die edelsten Hosen der Welt. Dafür verzichte ich doch auf die ganzen synthetischen Lappen aus der Jumo (Jugendmode), die ewig tiffig aussehen.“

Um den ständigen Beschwerden entgegenzuwirken, investierte die DDR viel in die volkseigene Jeansproduktion. Neue Produktionsstätten entstanden und sogar alte Vorbehalte gegen West-Importe wurden aufgegeben. Als die Jeans-Produktion in dem Großbetrieb VEB Jugendmode Rostock nicht schnell genug anlief, führte man kurz vor Weihnachten 1978 kurzerhand eine Million Levi’s-Jeans ein. Der Vorschlag an das Politbüro liegt noch heute im Bundesarchiv, vom Staatsoberhaupt mit Filzstift signiert: „Einverstanden Honecker.“ Für die begehrten West-Hosen wurden eigene Verkaufsstellen eingerichtet. Die Verantwortlichen gaben die Order, das Geschäft mit dem hoch brisanten Stoff möglichst außerhalb des Stadtzentrums abzuwickeln, damit die Aufmerksamkeit der Touristen nicht zu sehr auf die langen Schlangen gerichtet werde. Auch die Intelligenz wurde gut versorgt. Aus der Akademie der Wissenschaften existiert noch ein Handzettel, der alle Mitarbeiter dazu aufruft, sich mit Dienstausweis in der Mittagspause zum „Sonderverkauf von Jeans original amerikanische Strauss-Levi’s“ einzufinden.

Hemmungslos guckte das Bekleidungswerk Templin, das die Marke „Wisent“ herstellte, beim internationalen Marktführer Levi Strauss ab. Man übernahm Maße und Taschennaht, was die europäische Vertretung des amerikanischen Jeansgiganten auf den Plan rief. Der Plagiatvorwurf stand im Raum, erst nach langen Verhandlungen zog Templin zurück. Beständig arbeitete die Volkswirtschaft daran, den sich wandelnden Jeanswünschen der Kunden entgegenzukommen, doch die innere Logik des Plans und die ständige Devisenknappheit machte den Jeansenthusiasten im staatlichen Modeinstitut, in den Betrieben und im Handel oft einen Strich durch die Rechnung. Man schlug sich mit veralteten Maschinen und Schnitten herum, mit unpassenden Stoffen und Farben. Selten kam man den schnellen Trendwechseln, die die westliche Modeindustrie vorgab, hinterher.

In Amerika waren Stonewashed-Jeans bereits Anfang der 80er-Jahre angeboten worden, die ersten „Schnee-Jeans“ der Marke Wisent kamen in der DDR erst im Sommer 1988 auf den Markt. Sie verkauften sich so gut, dass die SED-Regierung 1989 auf Drängen des zuständigen Ministers Werner Buschmann für viel Geld eine zweite Waschanlage kaufte, um die Bevölkerung endlich an der modischen Innovation teilhaben zu lassen. Devisen-Verwalter Schalck-Golodkowski, wohl einer der wenigen, der die tatsächliche Wirtschaftslage der DDR noch realistisch einschätzen konnte, hatte dringend davon abgeraten. Durchsetzen konnte er sich nicht. Verzweifelt klammerte sich die alte Riege der SED-Kader an die Vorstellung, man müsse nur endlich die gleiche Qualität liefern, dann würden die Bürger schon zu den eigenen Produkten greifen. Darin hatten sie sich bereits 40 Jahre lang geirrt. Klüger schienen sie nicht geworden zu sein.

„Ostjeans blieben Ostjeans“, resümierte der Ostberliner Journalist Alexander Osang 1994, „und ihre Besitzer seltsame Außenseiter“. In einer Gesellschaft, die wie keine andere nach authentischen Informationen und Ausdrucksmöglichkeiten suchte, war die Entscheidung für ein Plagiat eine Haltungsfrage. Auch wenn die Meinungsverschiedenheiten in Sachen Jeans 1989 längst nicht mehr so hitzig ausgetragen wurden wie noch 20 Jahre zuvor, bei der Frage, ob West- oder Ostmarke blieben sich Funktionäre und Bevölkerung uneins. Inzwischen konnte bereits die dritte Generation von ihrem Kampf gegen engstirnige Ideologen um die bevorzugte Jeansmarke erzählen und diese Erfahrung verband über generationsspezifische Schranken hinweg.

Kein Wunder, dass allein der modernste Jeansbetrieb der DDR die Währungsunion überlebte. Die DDR-Jeansmarken hatten einen unwiderruflichen Imageschaden erlitten. Kaufen wollte sie keiner mehr. Stattdessen deckte man sich nach dem Mauerfall in den neuen Bundesländern bei fliegenden Händlern mit Westjeans ein. Ein paar Monate später fuhren die westdeutschen Investoren auch die Shanty Fashion GmbH gegen die Wand. Inzwischen ist das einstige Vorzeigeprojekt abgerissen. Die teure Stonewash-Anlage des ehemaligen VEB Rewatex rostet im mecklenburgischen Plau am See noch heute vor sich hin.

Heute sind die Deutschen aus Ost und West zumindest modemäßig doch merklich zusammengerückt. Das Revival der Stonewashed-Jeans wird ein gesamtdeutsches Phänomen werden. Schon jetzt wandelt die einstige „Schnee-Jeans“ als Wiedergeburt aus Paris um den Hackeschen Markt, kombiniert mit Tops von Prada oder Gucci. Ob sich noch irgendjemand an die Trendsetter vom Winter 1989 erinnert, die damals so heillos unmodern wirkten?

von Rebecca Menzel erschien das Buch: Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose. Chr.LinksVerlag, 200 Seiten, 14,90 Euro.

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