Kultur : Es perlt ohne Sturheit

VOLKER STRAEBEL

Nicht nur die Jahrhunderte, die uns von der Alten Musik trennen, haben oftmals ein schlechtes Gedächtnis, auch die vergleichsweise junge Moderne vergißt manchmal ihre eigenen Begründer. Zu diesen gehört der Kreis der "Ultramodernists", der in den USA der zwanziger und dreißiger Jahre sich von europäischer Romantik wie Neoklassizismus abwandte und - von Schönberg unabhängig - ein die Dissonanz etablierendes flexibles Reihendenken entwickelte. Der Berliner Flötistin und Musikwissenschaftlerin Kirsten Reese ist es zu verdanken, daß Kammerwerke dieser Komponisten und Komponistinnen nun in zwei Konzerten im Ballhaus Naunynstraße zu Gehör kamen. Reeses Forschung beschert uns einen kenntnisreich kommentierten Einblick in die experimentelle Musik jener Jahre, die John Cage den Boden bereitete. Dessen Solo-Sonate für Klarinette, der Erich Wagners spannungsvolle Interpretation ganz den Charakter der seriellen Studie nahm, fügt sich nahtlos in den Rahmen der im Umfeld von Henry Cowell dem "Dissonanten Kontrapunkt" (Seeger) huldigenden Werke.

Ruth Crawford wurde in den letzten Jahren von der feministischen Musikwissenschaft entdeckt. Die 1901 geborene Komponistin schuf mitunter mathematisch konstruierte Werke, die jedoch den Einfluß des amerikanischen Transzendentalismus spüren lassen. Konzeptionelle Strenge paart sich in der Suite für fünf Bläser und Klavier (1927) mit weiten, dissonant aufgerauhten Spannungsbögen, die Ostinati perlen ohne jede Sturheit. Auch die erste "Diaphonic Suite" für Flöte (1930) verträgt die emotionale Klangbildung, die Reese ihr angedeihen ließ.

Von dem engagierten Berliner Solistenensemble sei besonders Birgitta Wollenweber erwähnt. Sie traf bei Dane Rudhyars kurzen Klaviersätzen aus "Tetragrams" die Balance zwischen spätromantischem Gestus und moderner Kühle und verwandelte "Varied Air and Variations Study #2" von Charles Ives in ein brillant ironisches Spiel mit traditionellen und avancierten Satzweisen. Dahinter blieben die studienhaften Werke von Marion Bauer und Johanna Beyer für Holzbläserduos kompositorisch wie interpretatorisch zurück.

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