Kultur : Es war einmal ein König

175 Jahre Unabhängigkeit: Belgien feiert in Berlin

Rolf Brockschmidt

Eine Botschaft ist kein Museum – und dennoch ist es dem belgischen Botschafter Lode Willems gelungen, sein Haus mit einer Ausstellung zu schmücken, die dank ausgeklügelter Architektur Museumsansprüchen genügt. Belgien hat vor 175 Jahren seine Unabhängigkeit von den Niederlanden erklärt und einen deutschen Prinzen zum König gewählt. „Leopold – gewählter König der Belgier“ steht im Mittelpunkt der Ausstellung.

Wer die Botschaft in der Jägerstraße durch den Personaleingang betritt, erlebt im Treppenhaus eine Zeitreise durch die Monarchie bis zurück zu den Anfängen im Jahre 1830. Das heutige Belgien, der wirtschaftliche Motor des damaligen Vereinten Königreichs der Niederlande, litt 1830 unter dem Druck des Nordens. Soziale Unruhen brachen aus, und ein selbstbewusstes, an Frankreich orientiertes Bürgertum forderte mehr Rechte.

Die Aufführung der Oper „Die Stumme von Portici“ wurde zum Katalysator der Revolution. Als der Tenor das forsche Lied „Amour sacrée de la patrie“ anstimmt, das auch in der Ausstellung zu hören ist, kommt es zu Tumulten. Die Behörden lassen die Aufführung abbrechen. Die Niederlande schicken Truppen, und im Brüsseler Stadtpark kommen bei heftigen Kämpfen 300 Menschen um. Eine provisorische Regierung wird gebildet, die am 4. Oktober die Unabhängigkeit ausruft, Wahlen ausschreibt, einen Nationalkongress einberuft, der innerhalb von drei Monaten die modernste Verfassung auf dem Kontinent ausarbeitet und die Unabhängigkeit anerkennt.

Die Revolutionäre, in deren Reihen sich viele Journalisten und Juristen befanden, schrieben in die Verfassung die Presse- und Religionsfreiheit, die Freiheit der Sprache und die ministerielle Verantwortung. Was fehlte, waren sichere Grenzen, die Anerkennung durch die Großmächte und ein König.

Die Großmächte folgten nicht dem Wunsch des niederländischen Königs auf Intervention, sie wollten Ruhe im unruhigen Europa. Die Belgier machten sich auf die Suche nach einem König und fanden Leopold von Sachsen-Coburg, einen Herrscher über 50000 Seelen, mit guten Beziehungen zu England, Frankreich und Russland, wo er, wie ein Bild der Ausstellung zeigt, im Generalsrang in der Armee gedient hatte. Leopold hatte schon einmal mit dem griechischen Thron geliebäugelt, doch das Angebot der Belgier schien ihm verlockend. „Meine Herren, Ihre Verfassung ist doch sehr demokratisch, Sie haben die Monarchie ziemlich hart angepackt, aber mit gutem Willen wird das gehen“, soll er auf das Angebot gesagt haben.

Kern der Ausstellung ist das prächtige Gemälde von de Braekeleer, das erstmals im Ausland zu sehen ist und die Vereidigung des Königs zeigt. Persönliche Gegenstände sowie die Garantieerklärung Preußens und die Verfassung von 1831 gehören zu den bedeutenden Leihgaben. Die belgische Verfassung von 1831 war immerhin so stabil, dass sie das Revolutionsjahr 1848 gut überstand und auch eine solide Grundlage für die vor 25 Jahren begonnene Föderalisierung des Staates bildete.

Belgische Botschaft, Jägerstraße 52–53, 10117 Berlin. Täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Bis 2. Dezember. Führungen für Gruppen nach Anmeldung: 206 420.

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