Kultur : Es war einmal - ein Skandal

Sybill Mahlke

Es war einmal, dass am Berliner Schiller-Theater ein Stück namens "Die Teufel" gegeben wurde. Nicht nur die Bühnenbretter sah man erbeben, auch der Theaterhimmel West-Berlins verdüsterte sich. Hans Lietzau hatte es gewagt, ein Schauspiel in Szene zu setzen, das John Whiting nach dem Roman "The Devils of Loudun" von Aldous Huxley verfertigt hatte. Darin wird der schöne Priester Urbain Grandier (in jenem Fall von Thomas Holtzmann dargestellt) gefoltert und zur Hinrichtung geführt, weil er schwarze Magie betrieben und die Nonnen des Ursulinenordens vor den Toren der französischen Stadt verhext haben soll. Huxleys spannend erzähltes Buch, das auf historischen Fakten beruht, spielt im 17. Jahrhundert, die Berliner Erregung 1962.

"Petrusblatt" und Katholikenausschuss protestieren, die Sache wird nach Maßgabe des Kalten Krieges politisiert - als atheistische Propaganda -, Intendant Barlog und Übersetzer Erich Fried halten dagegen, die Besucherorganisation Volksbühne fühlt sich diffamiert vom "Petrusblatt". Wolf Jobst Siedler berichtet im Tagesspiegel über eine Diskussion hochgehender Gesprächswogen und plädiert für das Entscheidungsrecht des Theaters. In der Tat werden hysterische Nonnen, voran die missgestaltete Priorin Jeanne, ein unkeuscher katholischer Pfarrer und mehr als strittige Exorzismen gezeigt. Es geht grausam zu, wenn Grandier die Beine gebrochen werden. Für das deutsche Nachkriegstheater offenbar starker Tobak.

Dann aber kommt ein religiöser Komponist, der Pole Krzysztof Penderecki, dem gerade eine weltweit beachtete "Lukas-Passion" (1966) gelungen ist, und macht sich aus Erich Frieds Übersetzung der Whiting-"Devils" ein eigenes Libretto in deutscher Sprache. Er weiß, dass Huxley Moralist war, dass es dem Dichter um die Vernichtung eines Menschen durch Schauprozesse, die Exorzierung besessener Nonnen aus politischem Kalkül, die Machenschaften eines absolutistischen Staates geht: Ein historisches Thema, das überall Wirklichkeit werden kann. Wer wider die Macht opponiert, wird vorgeführt - in der Tortur. Ein Modellfall zwischen Heiligkeit und Erotik: Alle an den Ereignissen in Loudun beteiligten Personen scheitern auf ihre Weise, die Exorzisten werden zu Verbrechern. Dennoch beschwört Huxley das Göttliche in der menschlichen Natur, und Penderecki hat gesagt, Grandier sei ein Symbol des Leidens wie Christus in der Passion.

Heute wird das Werk als Beitrag der Dresdner Musikfestspiele an der Semperoper einhellig gefeiert. Dass die Interpretation der Partitur in den jungen Händen des Dirigenten Vladimir Jurowski liegt, trägt zur Unmittelbarkeit ihrer Wirkung wesentlich bei. In der Musik wirkt Penderecki noch als Komponist der Avantgarde Donaueschingens, während seine Hinwendung zu einer "gemäßen Moderne" (wie das Programmheft formuliert) sich ankündigt. Es ist pralles Theater, atmosphärisch dicht, schlaglichtartig, Klangmasse neben erregtem Sprechen, Liegeklänge von Streichern, Bläsern und Schlagwerk, Geräuschfelder des Psalmodierens in den Klosterszenen neben dem unruhigen Singen der Protagonistin Jeanne mit großen Intervallsprüngen. Die aufrührerische Hektik der Teufelsaustreibungen stellt Wolfram Schwinger in seiner Penderecki-Monographie in die Nähe der Pilatus- und Golgatha-Szenen der "Passion".

Hans Schavernochs Bühnenbild collagiert ein Stahlgerüst, das an das Kreuz von Golgatha denken lässt, mit einer dominierenden Riesenfaust - die Macht trägt den korrekten Manschettenknopf - und dem wunden Arm des sterbenden Christus, wie ihn Matthias Grünewald gesehen hat: Faust der Diktatur und Leidens-Hand.

Da das Stück mit der Simultanität von Ereignissen spielt, filmischen Momenten von eingeblendeter Gleichzeitigkeit, kann der Regisseur Harry Kupfer sein Lebensthema einbringen: die träumend sehende Frau, seine somnambule Senta - hier heißt sie Jeanne, Priorin des Ursulinenordens, und erleidet alles mit, was um sie her geschieht, weiß alles. In ihrer Zelle muss sie wahrnehmen, wie ihr geliebter Pfarrer Grandier andere Frauen liebt, sei es im Badezuber, sei es im Beichtstuhl, wie der Chirurg Mannoury und der Apotheker Adam, zwei Typen wie aus "Wozzeck", auf der Straße ihre intriganten Scherze machen, wie die Exorzisten Barré und Rangier mit dem Beichtvater Mignon und dem Mediziner in Adams Apotheke auftauchen (alle fünf lachend im Rhythmus der Streicher), wie die Politiker des Königs über Grandier herfallen und ihm den Zutritt in seine Kirche verwehren. Jeanne, die Besessene, die bereits beim ersten Verhör der Exorzisten den Namen Grandier genannt hat, erlebt betend seine Passion und gleichzeitig mit ihm das Phänomen "Angst", bevor sie ihn zum erstenmal in der Wirklichkeit sieht: eine haarlose, von der Folter zerbrochene Gestalt. Da verrät sie sich und uns ihr Geheimnis: "Die Leute haben immer von Eurer Schönheit gesprochen. Nun sehe ich mit eigenen Augen; und ich weiß, es ist wahr."

Obwohl die Sächsische Staatskapelle sich mit dem Schlagwerk bis in die Loge erstreckt, ist die Instrumentierung durchhörbar und vielfach kammermusikalisch. Das kommt einer Ensembleleistung zugute, die das Drama mit vorbildlicher Textverständlichkeit beredt macht. Namen, die für sich sprechen: Evelyn Herlitzius - Berlins mitreißende Leonore, Bayreuths künftige Brünnhilde - als Jeanne, Hans-Joachim Ketelsen als Grandier, Günter von Kannen als Vater Barré, Peter Svensson als Kommissar des Königs, Günter Neumann und Andreas Scheibner als groteskes Paar Adam / Mannoury, nicht zuletzt Theo Adam als Priester Ambrose und viele mehr. Kupfers Regie arbeitet mit Karikatur, Verfremdung und gnädigem Versenken des schwer Zumutbaren. Ihr Fazit ist, dass der Chor sich zum Schlussgesang in Tränen niedersetzt, um in neuer Zuversicht zu erstehen.

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