Kultur : Es war einmal, es wird einmal

Steffen Richter

entdeckt im Alltag märchenhafte Überraschungen „Zwanzig Jahre und ein Tag“ : Das wäre die Mindeststrafe gewesen, wenn man Jorge Semprún , der unter dem Pseudonym Federico Sánchez Widerstandsaktionen in Franco-Spanien koordinierte, erwischt hätte. Ist das normal? Und ist es normal, dass ein Spanier, der seine Bücher ein Leben lang auf Französisch geschrieben hat, plötzlich ein Buch in seiner Muttersprache veröffentlicht?

Nachvollziehbar ist es allemal. Denn „Zwanzig Jahre und ein Tag“ (Suhrkamp) , Semprúns neuer Roman, ist vielleicht sein „spanischster“. Er erzählt vom Beginn des Bürgerkriegs 1936, der Franco-Diktatur 1955 und davon, wie sie noch im Jahr 1985 ihre Schatten wirft. Der nach Frankreich exilierte Semprún, der das KZ Buchenwald überlebte, Franco illegal bekämpfte und unter Felipe Gonzáles spanischer Kulturminister wurde, kommt am Mittwoch (19.30 Uhr) ins Instituto Cervantes. Dort spricht er mit dem ehemaligen Staatsminister für Kultur, Michael Naumann , über „Die Zukunft Europas“. Bereits heute aber liest Semprún im Ethnologischen Museum (Lansstr.8, 19.30 Uhr) aus seinem Roman, in dem sich – wie es für Spanien normal sein mag – die politischen Leidenschaften mit den erotischen vermischen.

Normalität freilich ist ein äußerst fragwürdiges Konzept, erklärt uns Andreas Maier . Nach der Potsdamer Posse um seine Stadtschreiberstelle (Plattenbau oder Schloss?) wird Maier endlich wieder als das wahrgenommen, was er ist: ein außergewöhnlicher Schriftsteller, der sehr grundsätzlich über die Chancen eines wahren Lebens im falschen nachdenkt. In „Kirillow“ (Suhrkamp) zirkuliert unter Frankfurter Studenten ein „Traktat über den Weltzustand“, der unsere durch Naturvernichtung erkaufte Normalität heftig geißelt. Das sollten Sie sich unbedingt anhören. Und zwar am Donnerstag im LCB (20 Uhr).

Wo Maier auf Extreme aus ist, zielt Burkhard Spinnen auf die Mitte. Also rekrutiert er das Personal seiner Geschichten aus Mittelschichtmännern mittleren Alters. Doch dass sich hinterm Mittelmaß der Wahn verbirgt, wissen wir seit einem berühmten Essay von Hans Magnus Enzensberger. In Spinnens scharfzüngigen Feldstudien über die befriedete Normalität, wie es sie in der alten Bundesrepublik gab, ist denn auch das Katastrophische nie fern. Wer, wie „Der Reservetorwart“ (Schöffling) aus der Titel gebenden Erzählung, trotz Glanzparaden nur ein torloses Unentschieden über die Zeit rettet, muss ja irrewerden. Spinnen trägt seine erstligareifen Erzählungen am Donnerstag im Buchhändlerkeller (Carmerstr. 1, 21 Uhr) vor.

Karen Duves neuer Roman beginnt märchenhaft: „Es war einmal ein Königreich, das hieß Snögglinduralthorma oder so ähnlich.“ Darin lebt die „Entführte Prinzessin“ (Eichborn), die auf den Namen Lisvana hört, verheiratet werden soll, aber wegen der popeligen Mitgift (ein fauliges Moorgebiet, zwanzig gelbe Pferde mit kurzen Beinen und „der übliche Wäschekrempel") keinen Freier abbekommt. Duve liest am Samstag im Roten Salon der Volksbühne (21 Uhr) .

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