• "Es war meine schönste Zeit, trotz allem". Die Erfahrungen ganz normaler Frauen während des Krieges

Kultur : "Es war meine schönste Zeit, trotz allem". Die Erfahrungen ganz normaler Frauen während des Krieges

Nadine Lange

Adolf Hitler war ein Frauenschwarm. Völlig verzückt jubelten viele junge Frauen ihm zu. Die Faszination des Mannes Hitler hat sich zum Teil bis heute gehalten: "Und diese Stimme, wenn ich die heute höre, rührt in mir eine Saite an, das kann ich gar nicht beschreiben. Das ist rein emotional", schwärmt die 1924 geborene Inge R. in Margarete Dörrs "Wer die Zeit nicht miterlebt hat". Das dreibändige Werk ist voll von ungewöhnlichen Zitaten und Einblicken in eine Lebenswelt, die bisher im toten Winkel der Forschung lag. 60 Jahre nach Kriegsausbruch erscheint erstmals eine differenzierte und systematische Darstellung der Erfahrungen von ganz gewöhnlichen deutschen Frauen im und nach dem Krieg.

Deutsche Durchschnittsfrauen

Die 71-jährige Margarete Dörr gehört zur Generation der von ihr befragten Frauen. Sie schrieb während des gesamten Krieges Tagebuch. Ab 1948 studierte sie in Tübingen Geschichte. Dabei fiel ihr auf, dass ihr Erleben des Krieges und das anderer Frauen ausgeblendet blieb. In sechs Jahren führten sie und ihre Mitarbeiterinnen 316 Gespräche mit Frauen, die bei Kriegsbeginn zwischen 15 und 35 Jahre alt waren. Zusätzlich wertete Dörr schriftliche Kriegserinnerungen aus und bereits publizierte Autobiografien. Sie konzentrierte sich auf Frauen, die nicht zu den Opfern und auch nicht zu den direkten Täterinnen des NS-Regimes zählten - "Durchschnittsfrauen": Bäuerinnen, Dienstmädchen und Sekretärinnen.

Im ersten Band zeichnet Dörr elf Lebensgeschichten nach. Darin ähnelt ihr Band dem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Die andere Erinnerung. Frauen erzählen von ihrem Leben im Dritten Reich" der amerikanischen Journalistin Alison Owings, das allerdings subjektiver ist und auch Porträts von Opfern und Täterinnen enthält.

Was soll ich heute kochen? Wie bekomme ich neue Kinderschuhe und wann höre ich endlich von der Front? Die alltäglichen Sorgen der Frauen beschreibt Dörr im zweiten Band. Anders als bei den Video-Dokumenten von Steven Spielbergs Shoa Foundation fasst sie die Aussagen ihrer Zeuginnen thematisch zusammen, wichtet und bewertet sie. Am bewegendsten in diesem Abschnitt sind die Erinnerungen an die Nachricht vom Tod Angehöriger: "Mein Mann war am 2. März in Smolensk gefallen, Kopfschuss. Ich setzte mich auf die Milchbank vor unserem Haus und sagte kein Wort. Eine Starre legte sich über meinen Körper, alle Gedanken setzten aus. Ich blickte auf den Kastanienbaum vor dem Haus und sah plötzlich einen Buchfink. Das Vögelchen schien so etwas wie ein Gruß zu sein, wie ein Zeichen des weitergehenden Lebens."

Um die Einstellung der Frauen zum Nationalsozialismus geht es im letzten Band. Dort zeigt sich, dass besonders die Geselligkeit der NS-Frauenorganisationen anziehend wirkte: Beim BDM war was los, und um dorthin zu gehen, durfte man abends länger wegbleiben. Gegen das Frauenbild der Nazis ("Eine deutsche Frau raucht nicht, trinkt nicht und schminkt sich nicht") hatten die Befragten wenig einzuwenden. Von der NS-Ideologie verinnerlichten sie nur die Grundwerte - Frauen waren schließlich unpolitisch. So stand das Private während der Kriegsjahre im Vordergrund. Liebe und Beruf waren die zentralen Themen: "Es war meine schönste Zeit, trotz allem," sagt etwa die 1917 geborene Berte B.

"Wir haben doch nichts gewusst"

Bedrückend sind die Kapitel zu den Themen Antisemitismus und Konzentrationslager. Noch heute scheuen sich die Befragten nicht, abfällig über "die Juden" zu reden. Politisch korrekt fügen sie jedoch hinzu, auch einige ganz nette Juden gekannt zu haben. Über deren Schicksal zerbrach frau sich jedoch nicht den Kopf, schließlich galt es den eigenen Kriegsalltag zu bewältigen. "Wir haben doch nichts gewusst", war die stereotype Antwort auf die Frage nach Deportationen und KZs. Dieses "nichts" lässt sich aber höchstens auf die planmäßige Massenvernichtung beziehen. Denn viele Befragte berichten, dass sie gewusst haben, dass es Lager gab, dass sie Gefangenenmärsche gesehen haben und dass ihnen ihre Männer von Erschießungen und Folter berichtet haben. Doch aus dem Halbwissen wurde kein Mehr-Wissen-Wollen und so auch kein Handeln. Dörrs Befunde beanspruchen nicht, eine Formel zur Erklärung des Holocaust zu bieten. Aber sie zeigen die Grausamkeit des Unspektakulären.Margarete Dörrs: Wer die Zeit nicht miterlebt hat. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und den Jahren danach. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 1999. 1558 S. 98 DM.

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