Kultur : Es war nicht das Plastikgebiss

Geschwister unter sich: „Mein Bruder der Vampir“

NAME

Mit 14 weiß Nic ziemlich genau, was sie will – endlich erwachsen werden. Dazu fehlt ihr nur noch eines: der Richtige fürs „erste Mal“. Auch die Gedanken ihrer Brüder kreisen um das Thema Sexualität: Der zehn Jahre ältere Mike hat es zwar endlich geschafft, bei Nadine, der Hundeführerin seiner Security-Firma, zu punkten, doch die frische Liebe steht noch auf wackligen Beinen. Josch hingegen befindet sich immer im Ausnahmezustand. In wenigen Tagen wird er 30 und hat noch kein einziges Mal „gebumsvögelt“, wie er es ausdrückt. Kein Wunder: Josch ist geistig zurückgeblieben und hält sich für den Fürsten der Finsternis.

Nic stört sich nicht an Joschs fahlem Plastikgebiss und seinem Dracula-Cape. Sie liebt diesen Bruder, der ihr so bedingungslos vertraut. Einmal steigen sie nachts zusammen aufs Dach, um Mikes Liebeskünste auszuspionieren. Und als sie die beiden bei ihrem ungelenken Gestrampel beobachten, ist es um Josch geschehen. Er hat sich in Nadine verliebt und wünscht sich zum Geburtstag nur noch eines: mit ihr zu bumsvögeln.

Schwierig? Nicht doch. Der Film entwickelt sich zu einer erfrischend unkonventionellen Komödie. Bewundernswert, wie Roman Knizka in Joschs Welt schlüpft: Er verzichtet darauf, einen Gehandicapten mit Down-Syndrom nachzuspielen. Mit seiner Ehrlichkeit treibt Josch die anderen an ihre Grenzen. Allen voran Mike, der sich in der Rolle des Familienoberhaupts gefällt. Als er merkt, dass Nadine Joschs Wunsch erfüllen will, pendelt Mike zwischen Eifersucht und Verantwortungsgefühl.

Derweil hat Nic endlich ihren „ersten Mann“ entdeckt – Manu. Der Nachwuchsganove knöpft Knirpsen auf dem Spielplatz das Taschengeld ab. Er wäre genau der Richtige für Nic, die ebenfalls meisterhaft ihr von Pubertätskrisen erschüttertes Leben inszeniert. Mit einer Videokamera dokumentiert sie jeden ihrer Schritte. Verliebt ins Analysieren menschlicher Verhaltensweisen, hat sie sich angewöhnt, alle Eventualitäten zu kalkulieren. Schließlich ist das sicherer, als wie Josch direkt zu reagieren. Doch als sie es dann endlich schafft, Manu zu erobern, streikt nicht die Technik, sondern der Kerl.

Sexualität lässt sich auf technische Details reduzieren, doch ohne Liebe, Vertrauen und Respekt ist alles halb so spannend, lautet der Grundtenor des sympathischen Spielfilmdebüts von Sven Taddicken. Weil es geschickt zwischen Humor und Konflikten balanciert, hat „Mein Bruder der Vampir“ inzwischen einige Preise eingestrichen. Auch seiner Besetzung wegen, und weil der Film bis zur letzten Sekunde farbiger schillert als das Leben. Cristina Moles Kaupp

Eiszeit, Filmkunst 66

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben