Kultur : Es weihnachtet im Wonnemonat Mai

SYBILL MAHLKE

Der Leidensweg des Herrn tut in Händels "Messiah" weniger weh als in den Passionen von Bach.Optisch sind sich im Notenbild die scharf punktierten Sechzehntel, die für die Geißelung stehen - "Erbarm es Gott" bzw."He gave His back to the smiters" (den Rücken bot er den Peinigern) -, sehr ähnlich.Aber im Kontext des englischen Oratoriums klingen sie anders, und niemand setzt sich hier mit Tränen nieder, weil es in erster Linie darum geht, Gott als den Pantokrator zu verherrlichen, denn "He is the King of Glory".

Entsprechend nimmt die Interpretation des "Messiah" durch die Berliner Cappella in der Philharmonie die Komposition beim Wort, die da sagt: "Sein Joch ist sanft, seine Last ist leicht", um das Königreich des Herrn mit dem großen "Hallelujah" zu begrüßen.Die Wiedergabe zeigt, was kontinuierliche Arbeit an Eigenprägung fördert: das halbprofessionelle Kammerorchester der Berliner Cappella, das der Dirigent Peter Schwarz zusammen mit Hans-Joachim Greiner betreut, präsentiert sich in gleichgestimmter Artikulation, setzt Verzierungen und schmiegt sich der vokalen Solostimme "im Schatten des Todes" unisono und selbstverständlich an.Ein exzellenter Trompetensolist, Johann Plietzsch, der zwischen gestoßenen und gebundenen Noten melodiös unterscheidet, begleitet die Baßarie "The trumpet shall sound".Erstaunlich transparent gelingen dem Chor Sätze wie "For unto us a Child is born", worauf vergleichbar dem Siciliano des Bachschen Weihnachtsoratoriums eine "Pastoral Symphony" im Zwölfachteltakt ertönt, die den Hirten auf dem Feld gehört.Im wunderschönen Monat Mai aber fügen sich die frühen Lebensstationen Christi so anmutig in den Messiasgedanken und das erhabene Lob ein, daß die Aufführung unter Peter Schwarz, wenngleich hier und da nicht gänzlich kongruent, von Publikumssympathie getragen wird.

Eine "leichte Indisposition", für die Frieder Lang Nachsicht erbeten hat, scheint sich im Verlauf des Abends zu verschlimmern, gerade wo es um das "eiserne Zepter" gegen die Heiden geht.Dafür ist von dem Tenor zu erfahren, daß ein guter Musiker auch mit der Andeutung leben kann.Er kommt aus dem Dresdner Kreuzchor, der versierte Bassist Gotthold Schwarz von den Thomanern.Was wäre die Musikszene ohne diese Reservoire! Während die Sopranistin Ulrike Stöve ein wenig zu Höhenschärfen neigt, überrascht die Altistin: Mit ihrem unprätentiös-klaren Gesang verrät Ulrike Bartsch nebenbei, warum der RIAS-Kammerchor so gut ist, der solche Mitglieder hat.

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