Kultur : Es weihnachtet schwer

Santa Claus hat’s raus: „Der Polarexpress“

Susanna Nieder

Weihnachten ist auch nicht mehr das, was es mal war. Der Weihnachtsmann steht mit einem Fuß in der Mottenkiste, in der das Christkind schon lange vor sich hinstaubt: Santa Claus is coming to town, folks! Ochs und Esel haben ausgedient, stattdessen rauschen Rentiere durch die Lüfte, und die Seele der Weihnacht befindet sich nicht mehr in einer Krippe, sondern in einer Fabrik am Nordpol, wo Heerscharen von Wichteln Berge von Geschenken verpacken.

Der amerikanische Animationsfilm „Der Polarexpress“ feiert Weihnachten als Tanz ums Goldene Kalb. Die meisten Kinder werden ihn mögen, weil es reichlich verschneite Landschaften und spektakuläre Fahrten durch Wälder und Gebirge und über einen zugefrorenen See gibt. Die Lokomotive pfeift und keucht, denn wir schreiben die Fünfzigerjahre. Ein Junge in tadellosem Schlafanzug und Bademantel wird auf die Reise zum Nordpol mitgenommen, damit er wieder an den Weihnachtsmann glaubt. Ihm zur Seite gestellt ist ein schwarzes Mädchen (das damals in Wirklichkeit noch nicht einmal im selben Abteil hätte fahren dürfen) von jener Sorte, die immer alles richtig macht. Gemeinsam kümmern sie sich um einen Jungen in schmuddeligem Nachthemd und Gummistiefeln, der aussieht wie der Kinderdarsteller Haley Joel Osment und so unterwürfig und geknickt ist, wie man sich seine Armen nur wünschen kann. Am Ende bekommt er ein Riesengeschenk: Unser kleiner Held hat seinen Glauben an Santa Claus wiedergefunden, und die Welt ist in Ordnung.

Robert Zemeckis hat „Der Polarexpress“ auf der Grundlage des mehrfach ausgezeichneten amerikanischen Bilderbuchs gleichen Namens gedreht. Die Figuren erinnern an „Shrek“, und eine ganze Handvoll sieht Tom Hanks ähnlich, der Zemeckis für die Erfolge „Forrest Gump“ und „Cast Away“ noch etwas schuldig war. Doch es hilft nichts. Zur süßlichen Ästhetik und materialistischen Story gesellt sich klebrige Musik, die einem noch Stunden später in den Ohren hallt. Nach diesem Film möchte man Weihnachten am liebsten ganz ausfallen lassen.

In 24 Berliner Kinozentren; Originalversion im Cinestar SonyCenter

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