Kultur : Es werde Licht - in drei Teufels Namen!

Carsten Niemann

Das Verblüffende an diesem Stockhausen-Abend ist, dass er so anrührend wirkt. Waren wir nicht gewöhnt, uns an dem Meister zu reiben oder ihn verehren zu müssen: ihn, den raunenden Ego(scha)manen mit galaktischem Kunstanspruch, der zu Weihe oder Widerspruch herausfordert? Von alldem war nichts zu spüren bei der deutschen szenischen Erstaufführung von "Michaels Jugend" bei der MaerzMusik im Haus der Berliner Festspiele.

Man schauderte zwar bei dem Gedanken, dass die drei jeweils weniger als eine halbe Stunde währenden Kammeropernszenen von 1979 nur ein winziger Teil eines Werkes von ungenießbarer Länge sind: dem bereits auf sechs volle Abende angeschwollenen Musiktheaterzyklus "Licht". Doch der Horror vor der Gigantomanie wich dem faszinierten Blick in die Kinderstube, in der sie ihren Ursprung nahm. Erstmals hatte der Komponist erlaubt, einen Teil des Zyklus unabhängig von seinen eigenen Anweisungen aufzuführen.

Die Regisseurin Cornelia Heger schraubt Stockhausens Privatmythologie glücklich vom Allgemeinen ins Besondere zurück. Deutlich waren nun die Menschen hinter den Maskierungen zu erkennen: Hinter Luzifer trat der Jagd- und Zahlen-vernarrte Vater hervor, hinter Eva die spielerische, sensible Mutter und hinter Michael der begabte, früh verwaiste Sohn. Die Mutter wird in die Nervenheilanstalt verschleppt, der Vater fällt im Weltkrieg. Während die drei Luzifer-Figuren (ein Sänger, ein Tänzer, ein Instrumentalist) im Hintergrund die Erschießungsszene immer wieder nachspielen, der Vater ein ums andere Mal zum Klang seines Instruments, der Posaune, zusammensinkt, trifft Michael auf eine seltsame Gefährtin. Es ist Mondeva: ein gefiedertes, siebenfingriges und fünfzehiges Wesen mit einem Bassetthorn, dessen Klappengeräusche bisweilen klingen wie das Flattern von Flügeln. Ein Versuch von Kommunikation beginnt zwischen Sänger und Instrumentalistin: eine verschrobene Annäherung an das "Dodekadigitale Mondtäubchen", in der sich Zahlenfanatismus, Abstraktion, Musik und Eros verbinden.

Der Regisseurin gerät es zu einem berührend-eindringlichen Annährungsversuch an eine Künstlerpersönlichkeit, die deutlich Stockhausens Züge trägt. Später wird eine Tänzerin auf Schachbrettlinien einen leidenschaftlichen und doch abgezirkelten Tanz vor dem in entsetzlicher Höhe thronenden Prüfungsauschuss ablegen.

"Michaels Jugend" also als bildkräftige Erzählung eines absonderlichen Lebenswegs zum Avantgardekünstler. Naiv gedeutet? Warum nicht! Mochte mit den eingespielten Chor- und Synthesizerklänge noch etwas Soße vom Sirius auf die Szene tropfen, so waren es doch immer wieder die simplen handwerklichen Qualitäten der Musik, die Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich zogen: Von der Klangfantasie des eröffnenden "Michaels-Grußes", den man als intelligenten musikalischen Essay über eine Bläserfanfare hören konnte, bis zu der atonalen Fasslichkeit einstimmiger Melodiephrasen. In dem engagierten Team fielen der große, ausgeglichene Bass von Jonathan de la Paz Zaens (Luzifer), die geschmeidige Perfektion der Tänzerin Angelika Thiele sowie die Virtuosität, Klarheit und Beweglichkeit von Hubert Mayers Tenor (Michael) besonders auf.

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