Kultur : Es werde Licht!

ANNETTE LETTAU

"Der Mond sah seltsam zwischen Wolken hervor, ein stärkerer Wind kräuselte den Weiher in trübe Wellen..., und die langen gespenstischen Pappeln schienen mit ihren weitgestreckten Armen hinter ihm dreinzulangen." In solchen Nächten verändert sich die Wahrnehmung, und Eichendorffs Wanderer im Mondlicht, den träumerischen Jüngling Florio, packt ein plötzliches Grausen.Es treibt ihn zurück in die Herberge.

Was tagsüber noch prosaisch wirkt, bekommt nachts die Dimension des Unheimlichen und Zauberischen.Und unentbehrlich dabei ist der silbrige Mond.Bei Caspar David Friedrich wird die mondüberglänzte Landschaft dann auch zum Ort kontemplativer Versenkung.Von der stillen, der heiligen und der profanen Nacht, von ihren Schrecken und Wundern handelt eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die mit ihren 360 Exponaten allein schon zum Ereignis wird.Schließlich sind Bilder von Caravaggio und El Greco, Elsheimer und Rubens, Rembrandt und Georges de La Tourebenso zu sehen wie Arbeiten von Hopper, Dix und Man Ray.Es ist die wohl ambitionierteste Präsentation, seit Christoph Vitali die Leitung des Hauses der Kunst 1994 übernommen hat.Das Dunkel sensibilisiert nicht nur die Sinne und steigert die Einbildungskraft.In der entgrenzten Nacht verdichten sich auch die "schwarzen Gedanken", eskalieren Laster und Gewalt.Füsslis erotische Alpträume spuken in Tiergestalt vor effektvoll dahingelagerten Schönen, Goya zeigt, wie der "Schlaf der Vernunft Ungeheuer gebiert".Vom jungen Cézanne stammt ein krude gemalter nächtlicher Mordüberfall.Doch die großen Perfektionisten grausam dunkler Sujets sind die Barockkünstler.

Unter dem Motto "Nacht des Todes" werden zahlreiche Variationen zum (von der Gegenreformation geschätzten, da so schön gleichnishaften) Thema "Judith und Holofernes" vorgeführt.Auch Salome mit dem Haupt des Johannes und die Samson-Verräterin Delilah haben ihre Auftritte.

Aber alle Darstellungen überragt Artemisia Gentileschis berühmt gewordene Szenerie mit Holofernes, den Judith so sachlich enthauptet, als handele es sich um Metzgerhandwerk.Gegen dieses unerhört plastische, drastische und malerisch souveräne Werk kann sich selbst das benachbarte Judith-Bild ihres Vaters Orazio Gentileschi schwer behaupten.

In der Nachtwelt des 17.Jahrhunderts gedieh das Ausgefallene.Nicht nur in Monsú Desiderios bröckelnden Ruinen tauchen bizarre Figuren auf.Auch Magnascos gespenstisch überlängte Mönche und Salvatore Rosas Schwarzmagier und Hexen wirken, als seien sie einem Schauerroman entsprungen.Viele dieser nächtlichen Szenen stellen dar, was noch heutige Katastrophenliebhaber ins Kino treibt: Schiffbruch und Untergang, Brände, feuerspeiende Vulkane oder einstürzende Bauten.In den Nächten des Mittelalters und der Renaissance herrschte das Dunkel.Erst im 17.Jahrhundert führten einige größere Städte Laternenbeleuchtung ein - und prompt nahmen die Feuerkatastrophen zu.

Ohne Mond und Sterne oder das Kunstlicht von Fackeln, Kerzen und Laternen gäbe es auch kein Nachtbild, denn die Finsternis ist gestaltlos.In Geertgen tot sint Jans kleinem Geburtsbild Christi von 1485 ist das Eigentümliche einer erleuchteten Nacht erstmals realistisch erfaßt.Zugleich wirkt das Kind in der Krippe wie von innen erleuchtet, durchbricht das Dunkel der Nacht und überstrahlt die Gesichter der irdischen Betrachter.

Mit dieser Szene setzt die lange und prominente Reihe biblischer Nachtstücke ein.Im feierlich rotausgeschlagenen Mittelteil der Ausstellung prägen Elsheimer und Rembrandt, aber auch Caravaggio und seine Utrechter Nachfolger Stomer und Honthorst dieses Genre.Nur Georges de La Tour, der mit seinen stillen und eigentümlich entrückten Kerzenlichtbildern der subtilsten unter den Caravaggisten war, ist gänzlich dem Saal der Kerzenlichtszenen zugeordnet worden: wo gleich dutzendfach Greisinnen, Knaben und allerlei biblisches Personal mit aufglühenden Holzscheiten, Fackeln und Öllampen zu sehen sind.Bisweilen wirken die Motive so auch überstrapaziert oder unfreiwillig satirisch.Da umarmt Caravaggios junger Johannes der Täufer in der lässigen Beinhaltung des barberinischen Fauns (s)einen Widder unter dem Motto "Nacht der Liebe".Doch die Liebe scheint es als irdische Macht kaum zu geben.

Umso prächtigeres Material liefern die Mondscheinnächte der Romantiker und diegrellen "Großstadtnächte" des 20.Jahrhunderts.Immer wieder geht es um das innere und das Außenlicht, um Lichtsymbolik, Lichtstimmungen und das Besondere von Kerzennächten, wie sie die Niederländer kultivierten.

Damit sich nun auch der sportive Kunstfreund entfalten kann, bieten in München zusätzlich die Alte und Neue Pinakothek, die Staatsgalerie moderner Kunst und die Schack-Galerie einen Rundgang durch die Nachtstücke ihrer Sammlungen, mit lohenden Einblicken auch in ihre Depots.Soviel Licht im Dunkel war nie

Bis 7.2.1999, tägl.bis 22 Uhr.Katalog: 69 DM (Benteli Verlag), "Nacht"-Katalog der Staatsgemäldesammlungen: 15 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben