Kultur : Es wird ein warmer Abend sein

Luftige Sommerkomödie: der türkische Oscar-Kandidat „Ice Cream, I Scream“

Daniela Sannwald

Auf Schritt und Tritt sieht er Tiefkühltruhen, vollgepackt mit knallbunten Eis-amStiel-Päckchen, und jeden Tag scheint es mehr davon zu geben: Der Eismann Ali (Turan Özdemir) der türkischen Kleinstadt Mugla hat allen Grund zur Verbitterung. Selbst seine Stammkunden, die Kinder, greifen schon zum Industrieprodukt; individuelle Rezepte, Handarbeit und Eigenvertrieb weiß kaum noch jemand zu schätzen. Und das, obwohl Sommer ist in dem idyllischen Ort an der ägäischen Küste, ein Sommer, wie er schöner nicht sein könnte: strahlend blauer Himmel überm glitzernden Meer, fröhliche Kinder in Ferienstimmung und eine eben noch erträgliche Hitze, die es einem dennoch erlaubt, lange Mittagspausen zu verdösen. Und dazu warme Abende, an denen man träge draußen sitzt und beim Raki den Lauf der Welt diskutiert.

Die Nachbarn und Freunde des Eismannes haben ihre eigenen Theorien zur Verbreitung des Fabrikeises, und die tragen sie mit Verve vor: Die Globalisierung, der Kapitalismus und natürlich die Regierung sind schuld. Er selbst träumt von einem Fernsehwerbespot, in dem laszive Bikinidamen ihm dabei behilflich sind, sein Eis abzusetzen. Seine Frau allerdings ist davon nicht angetan: Die geträumten Schönen bringen den Gatten in Wallung, und nach dem Aufwachen kommt er, so meint sie, auf Ideen, die sich für einen mittelalten, lange verheirateten Mann keineswegs gehören. Und dann verschwindet auch noch der Motorroller mit Kühlanhänger, der es dem Eismann ermöglichte, neue Absatzgebiete in unterversorgten Regionen zu erschließen. Da hat ganz offenbar die internationale Industrie-Eis-Mafia zugeschlagen. Nur: Warum haben die Kinder jetzt plötzlich alle Bauchweh?

Mit dieser trotz allen Oberflächengetöses sehr nachdenklichen Komödie hat der Spielfilmdebütant Yüksel Aksu einen großen Coup gelandet: Sein Film ist als türkischer Beitrag zur Oscar-Auswahl für den besten ausländischen Film eingereicht worden – und das, obwohl der Film fast ohne professionelle Schauspieler auskommt. Der Regisseur hat nämlich in allen Rollen Bewohner der Stadt Mugla besetzt und besonders die bei seinem Thema unvermeidlichen vielen Kinder zu erstaunlichen Leistungen geführt: Sie spielen weit unbefangener als die erwachsenen Laien und sind damit die Hauptakteure der entspannten, leichten Sommerferienstimmung des Films.

Yüksel Aksu stammt selbst aus dem westtürkischen Küstenort und erzählt auch von dem in Anatolien eher unüblichen unbefangenen Umgang, den die Geschlechter in seiner Heimat miteinander pflegen: feiner Sprachwitz und derbe Zoten, Schimpftiraden, gewichtige Meinungsäußerungen und großes Geschrei sind Bestandteile der Dialoge im Film und auch, wie Yüksel Aksu versichert, des Kommunikationsstils der Muglaner. Er hat monatelang mit ihnen geprobt, hat sie ihre Dialoge häufig selbst entwickeln lassen und ihnen auch sonst Gelegenheit gegeben, am Drehbuch mitzuwirken.

Entstanden ist ein ungekünstelter, heiterer Familienfilm, der im nun doch jahreszeitlich auskühlenden Jahresausklang erste Vorfreude auf den nächsten Sommer weckt.

In Berlin im Alhambra und Karli (untertitelte Originalfassung)

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