Kultur : Es wird viel passieren

Steffen Richter

ermittelt im Literaturmilieu Es soll Zeitgenossen geben, die noch nie ein Buch von Wolf Haas gelesen haben und trotzdem behaupten, der Mann gehöre zu ihren Lieblingsschriftstellern. Man kann diese Leute verstehen. Denn Wolf Haas kann sich mit einem einzigen Satz dem Krimi-Adepten ins Herz schreiben. Es ist dieser eine Satz, mit dem er seit seinem zweiten Buch die Szenerie eröffnet und ins Mark des Genres vorstößt: „Jetzt ist schon wieder was passiert.“

Eigentlich war der Österreicher Haas ein erfolgreicher Werbetexter. Als das Geschäft so richtig gut lief, schmiss er den Bettel hin und veröffentlichte 1996 mit „Auferstehung der Toten“ seinen ersten Kriminalroman. Seitdem ist am Tatort Österreich immer mal wieder „was passiert“. Sechsmal musste „der Brenner“, ein schräger, etwas begriffsstutziger Detektiv, ermitteln. Und Haas hat sich mit seiner kunstvoll schnoddrigen Umgangssprache („Ich schreib’ wie eine Wildsau“.) zum Krimi-Olymp hinauf katapultiert. Nun gibt es mit „Brenner live“ ein Best Of seiner Fälle. Außerdem gibt es Wolf Haas live beim traditionellen Sommerfest des Literarischen Colloquiums . Denn hier steht in diesem Jahr Haas’ Verlag Hoffmann und Campe im Zentrum (13.8., Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Doch das Traditionshaus aus Hamburg hat noch einiges mehr zu bieten. 1826 wurde der legendäre Julius Campe zum Verleger des kaum 30-jährigen Heinrich Heine. Hinzu kamen Ludwig Börne, Friedrich Hebbel und Dichter des „Jungen Deutschland“ um Karl Gutzkow. Goldene Zeiten waren es nicht. Heines „Hauptbuch“, das „Buch der Lieder“, verkaufte sich in zehn Jahren nur 5000 Mal. Und in den 1830ern waren die aufrührerischen Verlagsprodukte in Preußen und Österreich gelegentlich verboten. Doch Hoffmann und Campe wurde – viel Feind, viel Ehr’ – eine wichtige Adresse.

Zu dieser wichtigen Adresse könnte der Verlag auch jetzt wieder werden, nachdem der renommierte Suhrkamp-Geschäftsführer Günter Berg im vergangenen Jahr von Frankfurt nach Hamburg wechselte. Berg ist es auch, der (nach einem Kinderprogramm ab 14 Uhr 30) den Hoffmann-und-Campe-Lesemarathon mit Heine-Gedichten eröffnet (17 Uhr). Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein („Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“) klärt über die Untiefen der bundesdeutschen Gegenwart mit Dosenpfand und ADAC auf oder debattiert die Strafen, die in Rumänien, Bulgarien oder der Türkei für Sex am Strand verhängt werden. Mit von der Partie sind außerdem Ulrich Woelk („Die Einsamkeit des Astronomen“) sowie Karl-Heinz Ott („Endlich Stille“). Und Matthias Politycki stellt seinen neuen Roman „Herr der Hörner“ vor, der am romantischen Kuba-Bild der letzten Jahre kratzt.

Am Ende wird BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken aus „Chronicles“, der Autobiografie des verehrten Bob Dylan, lesen und mit Dylan-Songs den tanzbaren Teil des Abends einleiten. Vorher aber ist Wolf Haas an der Reihe, um uns mit seinem unnachahmlichen „Holterdipolter-Stil“ zu ergötzen. Und dann wird wieder was passieren.

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